Von San Francisco zum Yosemite NP (California / USA / September – Oktober 2011)

San Francisco wollen wir mit der Fähre verlassen. Um zum Pier zu gelangen, müssen wir in einem Affenzahn durch die Stadt, wir sind ein bisschen spät dran. Kurz vor dem Ablegen des Schiffes erreichen wir den Landesteg, Hardy geht noch schnell Fahrkarten kaufen. Diesmal müssen wir für die Räder nichts extra bezahlen. Mit hoher Geschwindigkeit düsen wir auf die andere Seite der Bay Area hinüber nach Vallejo. Wir verlassen San Fran, eine Stadt, die uns aufgrund ihrer Vielseitigkeit sehr gut gefallen hat. Noch eine Weile können wir die Skyline der Wolkenkratzer des Financial Districts sehen, Alcatraz zieht an uns vorbei.

Heute haben wir von Vallejo aus noch gute 90 km vor uns. Wir sind in Dixon auf der Eatwell Farm (eatwell.com) von Lorraine und Nigel eingeladen. Die beiden betreiben eine Bio-Farm, auf der es neben vielen Obst-, Gemüse- und Kräutersorten auch einige tausend Hühner gibt.
Lorraine war vor Jahren die Gastmutter unserer Freundin Scheska, als diese in einem Austauschjahr in Californien die High School besuchte. Als Lorraine dann Scheska vor einigen Jahren zu Silvester in Berlin besuchte, scheint sie mit Hardy zusammen in der KITA gekickert zu haben. Jedenfalls kann sie sich laut Scheskas Erzählungen noch an ihn erinnern. Wir nehmen die Einladung gern an, der Besuch einer Farm in Californien während unserer Reise steht noch auf unserer imaginären Liste.

Nun, ohne Scheska, kommen wir wesentlich schneller voran, als geplant. Hinzu kommt, dass Hardy mal wieder einen neuen Bekannten kennenlernt, einen Rennradler, der bei der nahen Air Force Base arbeitet. Er fährt lange Zeit mit uns zusammen und zeigt uns kleine Schleichwege abseits der befahrenen Straßen. Ich denke, er fährt uns zu liebe langsam, aber um seine 24km/h mitzuhalten, müssen wir uns ganz schön anstrengen. Bei einem kurzem Stopp für einen Snack bei ihm zu Hause fällt uns seine Waffensammlung auf.

Zum ersten mal sehen wir Menschen an Kreuzungen stehen, die tanzend ein großes Werbeschild für zum Beispiel eine Supermarktkette in der Hand halten. Wir hatten schon von diesen „neuen“ Jobs gehört und sind zutiefst geschockt.

 Dixon – Eatwell Farm
Wir sind von der Eatwell Farm und der Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen werden begeistert. Da Scheska bereits viele unserer gemeinsamen Erlebnisse, insbesondere der Busstory mit Amtrak, erzählt hatte, ist es, als ob wir zu alten Bekannten kämen. Wir fühlen uns wohl im selbstgebauten Hügelhaus und auf dem riesigen Farmgelände.

Die Eatwell Farm ist eine so genannte organic farm, auf der nach biologischen Richtlinien angebaut wird. Lorraine und Nigel liefern wöchentlich Essensboxen, mit dem Mix des aktuell wachsenden Gemüses und Obstes an ihre Kunden, die Mitglieder der Farm geworden sind. Mit Hilfe des System der Footboxen wissen Sie genau wie viel ihnen abgenommen wird bzw. wie viel sie anbauen müssen. Nigel ist gerade dabei neue Mitglieder zu werben, da er den Absatz der Footboxen vergrößern will. Lorraine arbeitet fleißig an der Vermarktung ihrer probiotischen Drinks. Das Gelände der Farm ist riesig. Wir wandern durch die verschiedenen Felder, die mit Hilfe von Säulenpappel-Reihen voneinander abgetrennt sind. Auf ihnen wachsen Porree, Auberginen, Erdbeeren, Paprika, Tomaten und und und. Auf der Farm werden auch Hühner gehalten. Insgesamt gibt es fünf große Wagen für die Tiere, die selbstständig rein und raus ins umliegende eingezäunte Gelände laufen können. Einige der Hühner finden einen Weg durch eines der Löcher raus durch den Zaun und genießen so noch mehr Auslauf. Die Hühner werden hier nur für die Eierproduktion gehalten. Zur Zeit gibt es ganz junge Küken, die noch die Wärme und Rotlampen im Trailer genießen und erst bald raus dürfen. Wir nutzen die Tage hier zum Ausspannen, Arbeiten an den Bikes und natürlich auch, um den Blog etwas aktueller zu gestalten. Nebenbei genießen wir die interessanten Gespräche und werden von Nigel und Lorraine mit dem besten Essen verköstigt. Scheska hatte ihnen aufgetragen „you have to feet them a lot!“. Gesagt getan, zum Abschied bekommen wir frische Eier und viel Käse mit auf den Weg!

A pro pos Eier, von Lorraine bekommen wir einen sagenhaften Trick beigebracht, den ihr unbedingt einmal ausprobieren müsst! Um die Schale eines gekochten Eies besser lösen zu können, macht ihr ein kleines Loch, etwa in der Größe eines 20 Cent Stückes oben und unten in die Eierschale und pustet dann kräftig von beiden Seiten ins Ei. Ihr werdet sehen, die Eierschale löst sich dann bereits von selber und ihr könnt es wunderbar pellen!

Wir verlassen die Farm Richtung Osten, über Sacramento wollen wir den Yosemite NP erreichen. Und hier passiert es dann plötzlich, nach über 6000 km haben wir in Davis, kurz vor Sacramento unsere ersten Platten, der Auftakt einer ganzen Serie! Nachdem wir uns verfahren hatten, will Hardy über einen Feldweg zurück auf die asphaltierte Straße gelangen, eine wahnsinnig tolle Idee! Zuerst bemerken wir, in eine Sackgasse geraten zu sein, kehren um und dann stellen wir einer nach dem anderen fest, dass alle, wirklich alle unserer vier Reifen auf einmal platt sind! Schuld sind die um diese Jahreszeit getrockneten Samen eines nahen Baumes. Viele von den Mistdingern pulen wir aus unseren Mänteln wieder heraus, darauf folgt dieses verheißungsvolle leise pfhhh der herausströmenden Luft. Ätzend!

Sacramento
Die ganze Reifenwechselprozedur hat uns kostbare Zeit gekostet. Als wir fertig sind, ist es bereits 15h nachmittags. Dennoch entscheiden wir uns weiter zu fahren, eigentlich wollten wir heute hinter Sacramento übernachten.
Leider unterschätzen wir die Ausmaße des Ballungszentrums und hangeln uns ohne Stadtplan, nur mit Hilfe von Passantenaussagen am Rande der Stadt entlang. Wir stellen fest, doch weiter als geplant in die Stadt hinein fahren zu müssen, da es nur dort eine Brücke über den breiten Sacramento River gibt. Es wird später und immer dunkler – wir scheinen noch lange nicht aus dem urbanen Ballungsgebiet draußen zu sein! Ich denke bei mir, jetzt wäre doch der perfekte Augenblick, um von der Straße weg von Jemanden eingeladen zu werden. Und – zu schön um wahr zu sein – passiert genau dies kurze Zeit später, als an einer roten Ampel eine Familie ihr Autofenster runter kurbelt und uns fragt, ob wir einen Platz zum Schlafen für diese Nacht brauchen! Ein Stein fällt uns vom Herzen!

So zelten wir bei Christopher, Lori, Amanda und Aidan im Garten. Nicht mal unser Zelt müssen wir aufbauen. Damit es vom erwarteten Regen nicht nass wird, bekommen wir ihres. Der Abend klingt in der gemütlichen Küche der Familie aus. Noch lange führen uns die beiden Kinder ihre Schulbücher und Musikinstrumente vor.

Yosemite NP
Nach zweieinhalb Tagen erreichen wir endlich den Yosemite NP. Der Weg hier her fühlt sich anstrengend an, neben vielen Steigungen haben wir mit dem Wetter zu kämpfen. Es regnet sich richtig schön ein. Nass und kalt von außen und von innen aufgrund unserer Regenkleidung völlig nass geschwitzt erreichen wir den Eingang zum Park, geschafft!

Seit langem hatten wir uns auf den Yosemite NP gefreut, wurde er uns von vielen Seiten als der schönste Nationalpark überhaupt empfohlen. Zudem will Hardy unbedingt über den Tioga Pass die Sierra Nevada queren. Schon seit Tagen spricht er nur noch davon.

Ausgangspunkt vieler Wanderungen ist das Yosemite Valley. In dem sich einige Campingplätze, Hotels, der Supermarkt und das Visitor Center befinden. Da wir in einigen Tagen über die nahe Kreuzung auf den Hwy 120 über den Pass fahren wollen, beschließen wir nicht ins Tal hinab zu fahren, um uns den Anstieg von 600 Höhenmetern zu sparen.

Wir bleiben im nahen Crane Flat Campground oberhalb des Tales. Die freundliche Rangerin fragt uns, ob wir für ein Zelten auf dem Schnee gewappnet sind. „Klar“, antworten wir. Als die Sonne untergeht, wir es bitterkalt! Wir sind auf über 2000 m Höhe, Schnee rieselt von den Bäumen auf unser Zelt. Als unser Zeltnachbar Joel kommt, um uns an ihr Lagerfeuer einzuladen, haben wir uns bereits in die Schlafsäcke verkrochen.
Da Wochenende ist, können wir unseren Zeltplatz nicht verlängern. Im Yosemite NP wird im Internet schon lange im Voraus reserviert. Bereits im Frühjahr seien alle Plätze ausgebucht, erläutert uns die am nächsten Morgen nicht sehr nette Rangerin. Ein blödes System. Bestimmt die Hälfte der vorgebuchten Plätze steht aufgrund der Kälte leer und wir dürfen sie nicht benutzen. Da ist nichts zu machen.
Nicht mit uns, so denken wir und laden uns kurzerhand bei unseren Nachbarn Katie und Joel ein. Leider sind die Beiden bereits unterwegs, so dass wir sie nicht mal fragen können. Wir tragen unser Zelt und das restliche Hab und Gut auf ihren Campspot und schreiben den beiden einen netten Brief, indem wir unsere missliche Lage erklären. Ganz wohl ist uns bei der Sache nicht. Was können wir tun, wir wollen doch hier bleiben! Zudem ist der Tioga Pass gerade aufgrund eines Schneesturmes gesperrt. Wir müssen also hier verweilen, bis er geräumt und wieder geöffnet ist. So haben wir das uns zumindest gedacht.



Jetzt heißt es den Nationalpark zu erkunden. Also packen wir unseren Tagesrucksack und laufen zur Straße, um ins Valley zu trampen. Ein weißer Kleinwagen halt, drinnen sitzt Kai. Er ist ein Fotograf aus Dänemark, der schon seit Jahren in Thailand lebt. Es ist ein wirklich glücklicher Umstand ihn zu treffen. Er ist sehr nett und hat interessantes zu erzählen. Mit ihm verbringen wir den Tag. An diversen Aussichtspunkten auf dem Weg hinab ins Tal halten wir an, beeindruckt von der atemberaubenden Aussicht. Kai war schon auf der ganzen Welt unterwegs, wir müssen ihn eher fragen, wo er noch nicht war. Mit ihm machen wir eine Wanderung zu den Vernan und Nevada Falls, zwei sehr schonen Wasserfällen.
Auf dem Weg treffen wir glücklicherweise unsere Zeltnachbarn und können sie schon mal vorwarnen, dass sie nun auf ihrem Zeltplatz nicht mehr allein sind … die Beiden nehmen es locker, für sie ist es kein Problem. Puh!

Mit Kai verabreden wir uns in der Frühe des folgenden Morgen, um eine ganztägige Wanderung zu den Upper Yosemite Falls zu unternehmen. Steil geht es in vielen Serpentinen bergauf. Wir machen einige Stopps und sehen ins langgezogene Tal. Vor uns steht beeindruckend der Half Dome mit 8842 ft. Ein Berg, der zur einen Seite steil abfällt und auf der anderen Seite eine Halbkugel bildet. Diese kann erklommen werden. Durch zwei Stahlseile zu beiden Seiten abgesichert kann man den letzten Rest ersteigen. Uns bleibt dieses Abenteuer verwehrt, der Half Dome ist aufgrund des Schnees gesperrt. Wir können ihn nur auf diversen Fotos zu verewigen.
Wie es sich so ergibt, quatschen wir mit den anderen Wanderern und lernen so Chris aus England kennen, der seit über zwei Jahren mit dem Rad unterwegs ist. Er hat in den folgenden Wochen eine ähnliche Runde wie wir durch Utah vor. Wir sind gespannt, ob wir ihn wieder treffen werden.

Auf dem steinernden Plateau angekommen, machen wir Mittag und ich muss sagen, noch nie so eine spektakuläre Aussicht genossen zu haben. Es ist unbeschreiblich, wundervoll und beeindruckend. Vom Startpunkt des langen Yosemite Wasserfalls schauen wir weit hinein ins Tal, sehen unten weite Grasflächen und um uns herum die schneebedeckten grauen Berge, die das Valley einrahmen.



Als wir den Rückweg antreten bemerken wir erst, wie viele Menschen mit uns unterwegs sind. Da man hinab nicht so schnell laufen kann, staut es sich teilweise … wieder eine Möglichkeit, um ins Gespräch zu kommen. Hardy lernt Mary aus England kennen, die mit ihrem Freund auf Weltreise unterwegs ist und dazu die Möglichkeit eines around the world tickets nutzt. Ich spreche mit zwei amerikanischen Studentinnen. Die eine hatte im Sommer im Zion NP gearbeitet und empfiehlt uns zwei Wanderungen für unseren Besuch dort.

Es ist kaum zu glauben, als uns Kai auf dem Rückweg hinaus aus dem Valley ein Stück mitnimmt, landen wir tatsächlich in einem Verkehrsstau! Nichts geht mehr im Tal. So viele Touristen sind auch in der Kälte hier.
Abends sitzen wir mit Katie und Joel am Lagerfeuer, essen zusammen, trinken Wein und Wodka und erzählen von unserer Reise.
Hardy ist sehr glücklich, denn heute haben wir erfahren, dass der Tioga Pass geöffnet ist! Die Freude ist riesig, Hardy hatte dieser Gedanke sehr bedrückt. Ständig und immerzu hatte er von unserem großem Unglück erzählt. Diesen Pass zu machen ist sehr wichtig für ihn, zudem hätte jener Umstand unsere Routenpläne Richtung Daeth Valley und Las Vegas völlig zerstört bzw. sehr stark verändert.

Aber nun können wir unser nächstes Abenteuer antreten, eineinhalb Tage Steigung liegen vor uns, hinauf auf den Pass, auf über 3030 m Hohe. So hoch sind wir noch nie geradelt!

Tioga Pass
Früh morgens brechen wir auf und schleichen uns dabei vom Campground … die letzte Nacht waren wir Schwarzcamper.Noch einmal Tanken, dann quälen wir uns lange Kilometer durch den verschneiten Wald. Dick liegt der Schnee auf den Fichten, wir kommen uns vor wie im Skiurlaub. Es riecht auch nach Winter.

Um uns herum werden höhere Berge sichtbar, wir genießen die Aussichten in die weite Winterlandschaft. Da die Straße erst kürzlich geräumt wurde, nutzen auch viele Autofahrer die Chance Yosemite NP nach Osten zu verlassen. Dementsprechend voll ist die Straße und wir fühlen uns wie bunte Rehe am Wegesrand, die nun sicher in unzähligen Fotoalben verewigt werden.

Am frühen Abend erreichen wir die Hochebene Toloume Meadows. Weite Wiesen gibt es hier sicherlich, nur sind diese unter dickem Schnee versteckt. Ein grandioser Anblick, wir fahren Schritttempo, so dass die Zeit schnell, die Strecke jedoch langsam vergeht. Heute werden wir den Pass nicht mehr angehen.

Auf 2700 m am Abend beschließen wir zu stoppen und machen es uns auf einer Restarea gemütlich, bevor wir kurz vorm Dunkelwerden auf einen geschlossenen Campground verschwinden. Wir wollen hier am meistbesuchten und dementsprechend am intensivsten bewirtschafteten und überwachten Nationalpark der USA nichts riskieren. Von hohen Strafen wurde uns für wildes Campen im Nationalpark berichtet. Interessant ist auch, dass Nationalparkland federal land ist, das heißt Gebiet unter der Verwaltung der Regierung der USA und somit z.B. liberale Gesetze des umliegenden Staates California nicht gelten. Parkranger haben hier Polizeigewalt. Die Nacht wird wie zu erwarten kalt und Tiergeräusche unterschiedlichster Couleur wispern, schnurren, kratzen, jaulen und knurren uns in dem Schlaf.

Am Vormittag des nächsten Tages ist es dann soweit. Freudestrahlend kommen wir beim Parkeingang auf Passhöhe an. Ein Schild verkündet 9943 ft / 3031 m. Doch niemand klatscht. So klatschen wir selbst, machen unsere obligatorischen Passfotos und beginnen die Abfahrt. Wir ziehen uns warm an. Ich trage sogar meine Daunenjacke.
Ist der Anstieg an der Westseite der Sierra Nevada lang und gemächlich, fällt der Gebirgszug an der Ostseite rapide am. Er wirkt als mächtiger Regenfang und bewahrt die Wüstenregion West-Californiens und Nevada vor heftigen Regengüssen. Wir merken dies sofort bei unserer steilen Abfahrt. Nur wenige Bäume und Sträucher befinden sich an der Straße.

Aufgrund des Gefälles und des Rückenwinds meint Hardy seinen Geschwindigkeitsrekord brechen zu müssen. Mir schaudert es bei dem Gedanken. Wo mich doch schon die hier herrschenden kleineren Windböen ins Straucheln bringen, fährt er schnell wie der Blitz. Nun meint er, dass es ab jetzt schwierig wird seinen Rekord zu brechen und probiert es auch tatsächlich nicht mehr so oft. Das ist das Gute der ganzen Sache. Nach dieser rasanten Abfahrt erzählt mir Hardy abends im Zelt: “Als ich etwa 12 Jahre alt war, fragte ich den Radler Peter Gloeckner einmal nach seinem Geschwindigkeitsrekord während seiner Weltumradlung. `Nein`, sagte er, für mich damals völlig gemein, `für diese Information bist du noch zu jung!` Weiterhin in Unkenntnis wie schnell er nun wirklich damals war, verstehe ich heute seine Antwort…“ Seinen persönlichen Rekord gibt Hardy bestimmt gerne auf Aufrage per Mail bekannt.

Unsere Abfahrt führt uns durch tiefe Täler und dann, ganz plötzlich, stehen wir in der Wüste. Alles ist braun, niedrige kratzige Büsche bestimmen das Vegetationsbild. Keine Bäume in Sicht, dafür sehen wir hinter uns die schneebedeckten Berge, es ist atemberaubend schön! Wir essen unser Mittagsessen an einer Tankstelle und diskutieren zum wiederholtem Male zwei mögliche Varianten das Death Valley zu erreichen. Eins steht jedoch fest, an Wüste müssen wir uns ab jetzt gewöhnen. Doch das scheint nicht schwer werden, schon von weitem erscheint uns der Anblick hinreißend, wir können es kaum erwarten gegrillt zu werden!

Neue Fotos findet Ihr in der Galerie.

Posted in Allgemein, USA (lower 48th)

Neue Fotos online

Hola,

frisch aus Mexico gibt es nun Bilder aus Californien in der Galerie, wir tun alles was wir koennen. Schneller geht es nicht.

Seit 10 Tagen haben wir die 10.000 Kilometermarke geknackt und sind damit auch gleich in Mexico eingetroffen. Vieles ist anders hier, nicht nur die Sprache. Alena blueht auf, ich aergere mich jeden Tag ueber mein nicht vorhandenes Sprachvermoegen. Abendliche Sprachstunden sollen das Uebel aendern.

 

Der Abschied aus den USA fiel uns schwer, vielleicht war es Bequemlichkeit vielleicht Angst vor dem Unbekannten, wer weiss. Doch nun sind wir hier und geniessen die Baja California mit ihrer wuesten irren Kakteenlandschaft. 100 km haerteste Schotterpiste liegen auch schon hinter uns. Wir schreiben diese Zeilen aus Guerro Negro. Hier haben wir einen ersten Ruhetag eingelegt. Doch schon morgen geht es weiter Richtung San Ingnacio. In ca. 2 Wochen wollen wir in La Paz sein. Eine Einladung haben wir schon…

Machts gut, geniesst die Weihnachtszeit, wir denken beim Radeln an Euch.

Hardy und Alena

Posted in Galerie, Mexiko

Californien Nord (USA / September 2011)

Californien! Hitze, Strand und Unmengen an Weintrauben! Und endlich kontinuierlichen Sommer, sowie den Beginn der erhofften 365 Tage regenfreier Zeit … letzteres war leider der größte Traum.

Californien begrüßt uns mit einem Checkpoint, an dem die Einfuhr von Früchten und Gemüse kontrolliert wird. Das Einbringen von Schadorganismen soll verhindert werden. Nord-Californien wird von Ackerbau und Weinanbau maßgeblich geprägt. So wird alles zum Schutz der Landwirtschaft getan. Wir haben ein bisschen Bammel, als wir uns dem Checkpoint nähern, haben wir ja noch ein paar wenige Früchte und etwas Gemüse an Bord. Wir hoffen, dass die Aussage in unserem Radreiseführer stimmt, dass Radler nicht kontrolliert würden. Ansonsten hatten wir uns schon auf ein zweites Frühstück eingestellt.

Nur ein freundliches Nicken, wir dürfen durchfahren und sind nun tatsächlich in Californien! Sieht auf den ersten Blick noch genauso aus wie Sued-Oregon, doch soll heute ein weiterer Traum in Erfüllung gehen: Der Besuch der mächtigen Kuestenmamutbaeume (Sequoia sempervirens).

Keine 20 km weiter ist es dann soweit. Wir nehmen einen Umweg durch die Berge mit Schotterpiste und befinden uns schnell in einem der dichtesten und, wie uns später berichtet wird, beeindruckensdem Teil des weit ausgedehnten Areals der californischen Redwoods. Mammutbäume bilden hier im Jedediah Smith State Park kurz vor Crescent City einen dichten Wald. Die Baumkronen der größten Organismen dieser Welt bleiben im Verborgenen, nur der Anblick der massiven Stämme in Bodennähe lassen den Mächtigkeit dieses Gewächs erahnen. Wir schließen unsere Räder an und machen einen Spaziergang. Vereinzelt blinzeln dünne Lichtstrahlen zu uns hinunter, als wir und auf den Boden legen und die Ruhe genießen. Wie klein sind wir hier, wie kurzlebig. Wie lange mögen diese Bäume hier schon stehen?

Die Kuestenmamutbaeume werden in Nord-Californien in einem Netz aus Nationalparks und Stateparks geschützt. Das war dringend notwendig, denn Aufgrund ihres beständigen Holzes wurden diese in vergangener Zeit fast bis zur vollständigen Dezimierung abgeholzt. Museen in dieser Gegend berichten stolz von dieser glorreichen Zeit. Leider müssen wir schließlich weiter, eine Verabredung in Crescent City wartet, und wir trösten uns mit der Vorfreude auf noch mehr Baumriesen weiter südlich.

Gerry lebt in Crescent City, einer alten Holzfällerstadt, die sich heutzutage,nach Zusammenbruch der Holzindustrie, als Standort eines großen Gefängnisses über Wasser halten kann. Gerry war Schuldirektor und ist nun, zu Beginn seiner Rente, im Begriff mit seiner Frau ihr Haus, welches sie nach jahrelanger Miete endlich kauften, um- und auszubauen. Wir erwischen ihn alleine beim Kantenstreichen. Naja, nicht ganz alleine, denn er hatte als warmshower-host noch anderen Radlern für diese Nacht zugesagt und unsere Ankunft entgegen unserer Mitteilung erst für Morgen erwartet.

Die Freude ist groß, unter den anderen Radlern sind Andi und Ross, die wir schon in Sued-Washington getroffen hatten und die nun mit zweit Freunden von Ross auf dem Weg nach Süden unterwegs sind. Nun stehen vier Zelte in Garten, sowie Gerrys Trailer, in dem wir kochen und ich (Hardy) mit Ross mögliche Routen für unsere verbleibenden zwei Monate in den USA diskutieren. Unsere To-See-Liste ist nun wieder ellenlang, gemütlich wird das nicht, aber dafür super spannend. Andi will mit Ross und seinen Freunden noch gemeinsam bis nach San Francisco radeln und dann weiter die letzten paar Hundert Kilometer bis nach San Diego. Wir freuen uns sie wiederzusehen, es ist immer schön Bekannte wiederzutreffen und Berichte auszutauschen und verständnisvoll Erlebnisse zu diskutieren. Etwas unter Stress, denn Ross steht ab um acht absprungbereit neben seinem Rad , muss morgens bei ihrer Reisegruppe alles etwas schneller gehen. Wir haben etwas mehr Zeit und Quatschen noch eine Weile mit Gerry. Uns ist es wichtig mit den Warmshower-hosts möglichst viel zu Reden, deswegen sind wir hier!

So kommen wir spät los und kommen auch nicht weit, denn was hören wir da am Pier in Crescent City? Merkwürdige grunzende Laute mit untergeschobenen Hochtönen. Seelöwen luemmeln sich in der Sonne auf sicherlich vor langer Zeit okkupierten Stegen. Neben dem Luemmeln scheinen sie beständig damit beschäftigt zu sein sich gegenseitig vom Steg zu schubsen. Wir legen unser mittägliches zweites Frühstück ein und kosten die Aussicht auf Seelöwen in ihrem äußerst natürlichem Lebensraum mitten im Hafen aus.

Am darauffolgendem Tag radeln wir in Arcata ein. Ein Rennradler weißt uns den besten Weg über die Felder in die Stadt und so kommen wir entspannt beim heutigen Straßenfest an. Plötzlich fühlen wir uns wir in Friedrichshain auf dem Kreuziger Straßen Fest! Arcata ist bekannt für seine „Hippiekultur“ und das sieht man. Wir fühlen uns pudelwohl, gesellen uns auf die Wiese und beschließen unser Tagesprogramm mit geplanten 100 km rapide zu verkürzen. Hier möchten wir mehr Zeit verbringen. Es gibt drei Bühnen, viele Stände und Alena ist ganz hingerissen von den viele Töpferwerken, ich quatsche mit dem örtlichen Imker. Großes Geld wird hier, wie ich erwartet habe, mit Bestäubung gemacht. Der Verkauf von Honig ist da sogar Nebensache.

So jetzt sind wir hier, würden gerne auch bleiben und brauchen nur noch eine Möglichkeit zum Schlafen. Wir lassen es mal drauf ankommen und machen erst mal nix. Keine 15 Minuten später lernen wir Hugh und Darleen von Stand direkt hinter uns kennen. Hugh vertritt hier eine NGO, die sich die Bekämpfung invasier Arten in Nord-Californien auf die Fahne geschrieben hat. Wir verstehen und prächtig. Mein kleiner Kurzvortrag zur Bekämpfung der Robinie durch Ringelung bricht letzte Zweifel und wir werden auf die Ranch, in der die beide eine Scheune bewohnen, eingeladen. Prima! Wir können unser Glück kaum fassen. Wir werden eingeladen von solch netten Leuten! Da nehmen wir sogar eine kleine Autofahrt an die Küste in Kauf…

Nur erst muss noch das Platzproblem gelöst werden. An Hughs Stand werden neben Informationen viele viele einheimische Pflanzen angeboten, die nun auch alle wieder nach Hause müssen, und nun, zusätzlich unsere Bikes. Nachdem wir klar machen, dass diese selbstverständlich abgeladen und auch in die letzte Ritze gequetscht werden können, passt dann doch alles in den Pickup und die zwei PKWs. Wir stoppen bei einem Biosupermarkt und sind dann des Nachts auf der Farm in Petrolia, an der so genannten Hidden Coast.

Hugh hatte vor Jahren invasive Pflanzen auf dem Grundstück ihres jetzigen Landlords entfernt und bekam dann später das Angebot als Caretaker auf der Ranch zu leben. Es gibt da ein nettes Appartement in einer ausgebauten Scheune, welches die beiden nun für Umme bewohnen und sich dafür um die Ranch kümmern. Das heißt, Zäune reparieren, sich um die Kühe, das Pferd, die Rinder und den Esel kümmern. Sie haben auch einen Hund, der heißt Willi und ich habe ihn ins Herz geschlossen. Bei den beiden angekommen gibt’s Pizza und Bier und wir verbringen einen wunderschönen Abend mit Essen und Fotos angucken.

Am nächsten Morgen wache ich total verspannt auf. Einen Tag zuvor am Morgen habe ich Alena morgens, kalt in einer ungünstigen Position einen schweren Sack über den Tisch gegeben. Ich merkte schon damals, dass da was schief läuft, aber es musste natürlich sein! Nun merke ich die Bescherung. Es tut höllisch weh und ich muss mich stark zusammennehmen beim Reden und Laufen. Dank Darleens Stretch-Übungen in einer Mini-Physiotherapie-Sitzung können die Schmerzen etwas verringert werden. Zusätzlich macht mir eine vielleicht verstauchte Rippe zu schaffen. Zwei Tage zuvor musste ich meine Sattelfederung unter Zuhilfenahme meines Brustkorbes testen. Toller Plan! Die Sattelfederung gab nicht nach, dafür irgendwie eine Rippe. Ich sollte vorsichtiger mit mir sein…

Wir verbringen einen ruhigen und entspannten Tag auf der Farm, besichtigen Bill den Bullen und lassen die Beine ihm nahem Fluss ins Wasser baumeln.

Dann passiert das, was passieren musste. Die Sache mit dem Landlord und dem Caretaker-Verhältnis hat nämlich leider einen Haken! Wohnen für Umme ja, aber bloß keine fremden Leute. Wir waren nicht erlaubt auf diesem Grundstück. Hugh und Darleen gingen ein kleines Risiko ein, als sie uns auf das Gelände brachten, doch normalerweise ruft ihr Landlord eine Woche im Voraus an, bevor er sein Land (ein mal im Monat) aufsucht. Die beiden haben sich aufgrund der anderen Vergünstigungen, die mit dem Leben auf diesem Land einhergehen, mit dieser Tatsache arrangiert.

Plötzlich klingelt Darleens Telefon. „Hi, in four hours i’ll be in my house!“ Gleich ist er da und wir dürften dann nicht hier sein. Nach einer kurzen Debatte über Alenas und meine Anwesenheit beschließen wir die Nacht am nahem Strand zu verbringen. Für uns kein Problem, Hugh und Darleen sind traurig, das dir schöne Gemeinsamkeit so schnell wieder unterbrochen werden soll. Naja, ein paar Stunden haben wir noch.

Natürlich ist der Landlord nicht erst in vier Stunden vor Ort. Und so braust ein Pickup im Affenzahn auf das Gelände während wir gerade beim Essen sind. Chuck ist außer sich, als er von unserer Anwesenheit erfährt und will und uns auch gar nicht sehen. Wir sollen sofort verschwinden. „What the fuck are they doing here? Get them out of here!“ sind seine Worte. Das machen wir auch, die freundliche Atmosphäre ist dahin. Uns tun Hugh und Darleen leid, die wegen uns solche Unannehmlichkeiten erleben. Wir verbringen die Nacht am wunderschönen Strand. 

Am nächsten Tag werden wir von Darleen abgeholt. Wir wollen gemeinsam mit ihren Freunden und unserer Freundin Scheska die folgenden zwei Tage im Humboldt Redwood Nationalpark verbringen. Mit Scheska wollen wir dann außerdem die folgende Woche reisen. Wir sind schon ganz gespannt und aufgeregt sie endlich zu treffen. Schon in Berlin hatten wir vor Monaten dieses Treffen wage verabredet und nun soll es Wirklichkeit werden. Was wird sie so alles über unsere gemeinsamen Freunde zu berichten haben? Wir sind auf den neusten Klatsch und Tratsch gespannt!

Scheska hat, um zu uns zu gelangen alle Hebel in Bewegung gesetzt und das Abenteuer Busreise in den USA mit dem Rad bereits absolviert, als ich sie mit Darleens Auto vom Freeway abhole. Verdutst schaut sie genau hin. Mich im Auto hätte sie hier nicht erwartet. Hätte ich auch nicht. Und so bekomme ich Gelegenheit meinen Klischee-American-Dream zu verwirklichen. Mit lauter Musik heize ich mit max. 75 mph (130 km/h) ueber den Freeway zum vereinbarten Treffpunkt.

Die Wiedersehensfreude ist groß, wir kommen aus dem Quasseln nicht mehr raus! Passend dazu trifft auch Darleen auf dem Campingplatz alte Freunde wieder. Am Abend kochen wir zusammen und erzählen viele Geschichten…

Nach einer gemeinsamen Wanderung am folgendem Tag düsen Darleen und ihre Freunde ab und Scheska und wir machen Pläne für die nächsten Tage. Gemeinsam radeln, das wollen wir, aber nicht zu weit. Eine kurze Busfahrt bis nach Rohnald Park, wo eine alter Bekannter Scheskas wohnt, soll die Reise nach San Francisco etwas abkürzen. Scheskas Zeit drängt, da ihr Rückflug nach Berlin naht. Wir wollen vor allen Dingen gemeinsam Zeit verbringen, als radelnd Strecke schaffen, außerdem würde ein Abradeln der hügligen Küste mit sich stark unterscheidender körperlicher Fitness kein angenehmes Unterfangen sein… So radeln wir gemeinsam über die Avenue of the Giants durch gewaltige Baumriesen bis nach Garberville. Wieder recken wir uns die Hälse lang, um wenigstens einen Teil der Größe der Bäume zu erfassen. Es ist sehr dunkel am Boden, fast kein Licht kann durch die Wipfel dringen. Scheska schiebt einige der Hügel hoch, oben warte ich, wie immer, die Kekse bereit.

Am nächsten Tag soll unser bisher leider unangenehmstes Abenteuer dieser Reise stattfinden. Busfahren in den USA (mit dem Rad) ist nämlich gar nicht so einfach.

Alles beginnt damit, dass wir pünktlich um 11:40 für den Greyhoundbus nach Rohnald Park in Garberville an der Bushaltestelle sitzen. Der Bus kommt und der Fahrer erklärt sofort und ohne Umschweife in genervtem Ton, dass er unsere Bikes, da sie in nicht in Boxen sind, nicht mitnehmen könne. Alle Versuche ihn umzustimmen fruchten nicht, die gestrige Auskunft der Telefonhotline („Wir bräuchten keine Boxen.“) ist schlichtweg nicht war. Wir sind über die Unfreundlichkeit des Busfahrers entrüstet, haben aber damit nicht mit dem folgendem Busfahrer gerechnet…

Wir entscheiden uns, die Option Reisen mit dem Amtrak-Bus auszuprobieren. Da gibt es nur von Vornherein einige Schwierigkeiten, die Scheska bezüglich ihrer Anreise bereits erfolgten Recherche detailliert erörtern kann. Amtrak ist das Bahnunternehmen in den USA und darf aufgrund der zwar nicht erlaubten, aber tatsächlich vorhandenen, Monopolstellung des Greyhound-Busservice eigentlich keinen Busservice anbieten. Amtrak-Busse sind also Zubringerbusse. Dies bedeutet, dass eine Reise mit einem Amtrakbus unbedingt an einer Eisenbahnstation vorbeiführen muss. Zwischendurch aussteigen geht nicht, man kann sein Ticket auch nur beim Servicedesk an einer Bahnstation kaufen. Nur würde das für uns eine Fahrt durch Rohnald Park bis nach Martinez (ca. 3 h weiter) und dann nach einem Buswechsel zur Rückfahrt nach Rohnald Park bedeuten. An dieser Stelle möchte ich eine Zeile aus einem Radelbuch von Daniel Snajder zitieren: „Es gibt immer einen Weg, man muss ihn nur finden.“

Wir haben einen Plan: Gleich an der Bushaltestelle treffen wir Allison, sie erklärt sich bereit in Martinez die Tickets für uns zu kaufen und auch unsere ID, die als Pfand dem Busfahrer beim Einsteigen überreicht werden müssen an uns zurück zu senden. Natürlich geben wir nicht unsere richtigen Pässe aus der Hand, zu diesem Zweck führen wir internationale Studentenausweise mit, die wir dem Busfahrer geben. Wir wiederum wollen es irgendwie schaffen schon in Rohnald Park auszusteigen.

Der Plan ist gut, denken wir, nur rechnen wir nicht mit der enormen Aggressivität des Busfahrers… Der Bus kommt, wir stehen auf der falschen Straßenseite, schon das ist ein Riesenproblem! Ob wir eine Reservierung für die Bikes hätten? Die bräuchten wir nicht! Und schon sind die Räder eingeladen.

Bereits nach fünf Minuten Fahrt stoppt der Bus, der Fahrer stellt sich vor alle Fahrgäste, die nun betreten nach unten schauten: „Seitdem wir in Garberville losgefahren sind, stinkt es höllisch hier im Bus. Diejenigen wissen schon wer gemeint ist. Hier ist ein Stück Seife, ihr habt fünf Minuten euch zu waschen, dann fahr ich los!“ Eine ekelige Situation, die ein Aufbegehren sowie eine Gegenattacke bedürfte. Natürlich stinken wir! Geht leider nicht anders, wer radelt der stinkt nach einer Weile.

Leider haben wir noch Großes vor mit dem Busfahrer und wir wollen doch nach Rohnald Park, Aussteigen und Weiterradlen als immer möglicher Ausweg ist leider jetzt zu dritt keine Alternative. Wir spritzen uns drei Tropfen ins Gesicht und sind nach sechs Minuten wieder im Bus. Ekelige Situation, der Busfahrer frohlockt.

Kurz vor Santa Rosa entscheiden wir hier Auszusteigen und werden auch so langsam aufgeregt. Den Busfahrer weihen wir nicht in unser Anliegen ein, er würde sowieso nicht mitmachen und uns nur behindern wollen. Wir rechnen mit seiner Aggressivität.

Gleich nach dem Anhalten springen wir aus dem Bus und beginnen zwölf unserer Päckchen heraus zu räumen. Der Busfahrer beginnt vor Wut zu schäumen, zerrt an seinen Busladeklappen und an Scheska. Seine Nasenflügel beben und er ist Nahe dran Scheska zu schlagen. Wir erklären, dass wir niemanden töten wollen, nur aussteigen und dass alles geklärt sei, doch der Fahrer stellt quer. Wir sind nicht schnell genug gewesen.

Der Plan geht erst mal nicht auf, drei Gepäckstücke und die Bikes sind noch im Bus und der Busfahrer bewacht wie ein Tier seine Klappen. Er ist so unglaublich wütend, mit solch einer heftigen Reaktion haben wir nicht gerechnet. Sicherlich haben wir auch den dreisten Akt, des unbefugten Öffnens der Ladeklappen hier in Amerika unterschätzt. Auch ist die Anzahl unserer Gepäckstücke für ein solches Unterfangen schlicht zu groß.

Sofort beginnen drei umstehende Menschen die Polizei zu rufen. Wir spüren das Knistern der Feindseligkeit in der Luft. Alle nehmen an, wir wollten abhauen ohne zu bezahlen, dass wir „einfach nur“ gegen die Regeln aus dem Bus steigen wollen, nimmt uns niemand ab.

Keine drei Minuten später kommt der erste der bald fünf Polizisten. Aeußerst freundlich lässt er sich die sich deckenden Versionen der Geschichte von uns uns dem Fahrer erzählen und bemüht sich tatsächlich um eine Lösung des Konflikts. Der Busfahrer ist jedoch unerweichlich. Er pocht auf die Richtlinien seiner Firma und will keinen Zentimeter davon abweichen.

Und dann, noch während des Gesprächs, springt der Fahrer in den Bus und braust los. Wir sind alle verdutzt und total perplex. Ich stelle mich vor den Bus, möchte mitfahren, unsere Räder sind ja noch drin! Doch der Bus kommt immer näher. Der Polizist hebt die Hände: „I can’t stop this bus!“ Die Augen des Fahrers funkeln, ich springe zur Seite, dann ist der Bus samt Fahrräder weg.

Wir fühlen uns schrecklich! Ein Zustand ist eingetreten, der so nie passiere darf! Die Fahrräder sind weg! Von einem Busfahrer gestohlen.

Zumindest werden wir nun nicht festgenommen und die nun fünf Polizisten bemühen sich um eine Klärung der Situation. Der eine fängt an zu telefonieren. Schnell ist der Supervisor von Amtrak an der Strippe und erklärt sich bereit, sich um unsere Räder zu kümmern. Wir können sie am nächsten Tag in Martinez abholen. Wir erhalten seine Nummer. Völlig verstört, geschafft und geschockt warten nun auf Keegan (Scheskas Freund), mit dem wir erst einmal einkaufen gehen und der uns dann zu seinem Haus in Rohnald Park fährt.

Für mich steht nun fest, dass wir weiter in Aktion treten müssen, sonst lässt mir die Sache keine Ruhe. Die Bikes sind weg, ich fühle mich nackig und möchte am Liebsten sofort nach Martinez aufbrechen. Scheska ruft erst einmal beim Supervisor an, um unsere Sachen zu beschreiben. Und siehe da, er schlägt doch tatsächlich vor, dass unsere Gepäckstücke sowie die Räder ja auch Morgen mit einem anderen Amtrack-Bus nach Rohnald Park gebracht werden könnten. Na, das wäre super, dann würde unser Plan ja doch aufgehen! Die Stimmung schlägt vom Nullpunkt wieder in die Höhe! Wir sind frohen Mutes und genießen den Abend bei Keegan, auch wenn Alena und ich keine Kraft mehr für ein Siedlerspiel haben. Scheska ist sich dafür nie zu schade und schlägt wie immer alle!

Am nächsten Tag kommen unsere Bikes tatsächlich an, ohne Probleme. Zum Glück bringt sie ein anderer Busfahrer. Wir haben das Bussystem also doch ausgetrickst, auch wenn wir dafür ganz schön kämpfen mussten!

Die Fahrt zur Küste ist sehr schön. Hügeliges Gelände, wir warten oft auf Scheska und haben so viel Zeit uns die Landschaft anzuschauen. Scheska hat recht bald auch einen Platten, der erste unserer Tour, ich hatte es vorausgesehen! Schadenfroh lacht dann Scheska, als ich später am Tage bei mir den zweiten der Reise zu verzeichnen habe. Am Abend suchen wir lange nach einem Platz zum Zelten. Wir fragen schließlich bei einem Haus, ob wir auf dem leerem Nachbargrundstück übernachten können. Können wir! In dieser Nacht reicht unsere Plane als Zeltersatz völlig aus.

Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass wir das gestrige Duschangebot unserer Nachbarn hätten annehmen sollen. Wir werden prompt zum Frühstück eingeladen und hätten bestimmt auch Abendbrot bekommen… Naja egal, auch so verbringen wir äußerst angenehme 1,5 h bei zwei Mexikanern. Sie ist Sängerin und er Marxist und Veranstaltungsorganisator. Wir erfahren viel über Mexiko und bekommen Adressen. Auch Kommunismus und Kapitalismus sind Themen am Morgen.

Dann fahren wir ab, die Kräfteschere zwischen Alena und mir und Scheska klafft immer weiter auf. 80 km wollten wir heute fahren. Hätte Scheska nicht bei einem wirklich langen Hügel beschlossen zu Trampen, wären wir weit nach 19:00 h in San Francisco angekommen. So wollen wir uns kurz vor der Golden Gate Bridge wieder treffen.

Wir verirren uns kurz vor San Francisco auch gleich auf den Freeway, was hier hoch verboten ist! Nach wenigen Minuten haben wir ’ne Streife an uns kleben, die uns dann mit Blaulicht bis zum nächsten Exit eskortiert. Da muss wohl jeder mal durch…

Bald kommen wir an der Golden Gate Bridge an. Über diese Brücke zu fahren, sollte eigentlich ein ganz besonderer Moment für mich sein. Ist es auch, denn es ist so nebelig, dass Scheska sagt, so was hätte sie noch nie in San Francisco erlebt. Wir können die Hand kaum vor Augen sehen und kommen nahezu pitschnass auf der anderen Seite an. Wir machen unsere Fotos und sind trotzdem glücklich endlich in dieser Stadt zu sein! Ein weiterer Traum wird wahr.

Nach dem Überqueren der Brücke treffen wir sogleich andere Radler, die uns den besten Weg durch die Stadt bis zu Lindsey und Erik zeigen. So schaffen wir es heute tatsächlich beim verabredeten Zeitpunkt bei unserem Warmshower-host anzukommen.

Lindey und Erick sind sehr nette Menschen, die ständig arbeiten. Sie wohnen direkt im hippsten Viertel der Stadt und haben nix davon. Dafür wir! Am ersten Abend kochen sie Spagetti Bolognese für uns und wir fühlen uns sehr wohl.

In den folgenden Tagen hängen wir eher rum als konzentriert die Stadt auszukundschaften. Wir lassen uns eher treiben und genießen die angenehme Zeit mit Lindsey und Erik. Mit Scheska erkunden wir das alte Hippieviertel und ich stelle fest, dass ich nun, da sich mit Scheska die Gelegenheit bietet Souvenirs nach Hause zu senden, nichts mehr brauche. All die kleinen Dinge, die ich kaufen könnte brauche ich nicht wirklich und sie würden zu Hause letztendlich doch nur als Staubfänger enden. Während der letzten Monate lebten wir nur aus unseren fünf Packtaschen. Wir haben alles dabei was wir brauchen und sogar noch mehr. Ich kann mir nicht momentan nicht vorstellen zu meinen 20 Kisten zurück zu kehren. So kaufe ich nur ein paar Poster, das wars.

Am letzten Tag mit Scheska treffen wir Lorraine. Lorraine war Teil der Gastfamilie, die Scheska vor zehn Jahren für ein Jahr aufnahm. Diesen Treffen ist langersehnt, bringt sie doch einen speziellen Rucksack mit. 

Einen Monat zuvor haben wir unseren Eltern eine kleine Wunschliste gesendet. Der prall gefüllte Rucksack stellt das Resultat dieser Bemühung dar. Gleich vor Ort, auf der Straße, müssen wir ihn öffnen und kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Kleine Tränen vor Rührung fließen, als wir all die Schokolade, kleine Geschenke und die lieben Briefe unserer Freunde sehen. Jetzt sind wir gerade mal vier Monate unterwegs, aber merken, dass die Gedanken an Familie und Freunde stark sind und jede Nachricht regelrecht aufgesogen wird. Das Auspacken, jedenfalls, wird ein Fest! Es ist wie Geburtstag und Weihnachten und noch schöner! Von Zungenputzer bis Katjes Pandabären ist alles dabei; sogar Honig unserer Bienen! Wir sind begeistert von der Liebenswürdigkeit unserer Freunde und dem Aufwand, der für uns betrieben wurde.

Dann verabschieden wir auch Scheska. Es fällt uns verdammt schwer. Es war schön Zeit mit ihr zu verbringen. Auch wenn wir oft auf sie warten mussten war es toll mit ihr und ihrer direkten aktionreichen Art unterwegs zu sein. Wir haben gemeinsam viel Schwung in unseren Radlertrott gebracht.

Wir erkunden San Franciscos Architektur. Kleine Häuser dicht an dich, typische Feuertreppen bestimmen die Fassaden. Moma und Chinatown ist interessant, der Fischermans Warf (Pier 39) mit seinen Seelöwen ist nichts gegen die Stege in Crescent City. In ausgedehnten Radtouren erkundigten wir die Parklandschaft und erleben dann doch noch die Golden Gate Bridge, sogar bei einem sagenhaften romantischen Sonnenuntergang.

Kulinarisch verköstigen wir uns unter anderem mit Burritos und mit Senfeiern. Senfeier kommen super an bei Lindsey und Erik, wir stellen so viel Sauce her, so dass wir noch drei Tage davon zehren. Eric revanchiert sich, indem er uns eines abends auf ein super leckeres Eis einläd und uns den nahen Park zeigt. Hier wurde einst eine der ersten Missionen Amerikas aufgebaut. Die Mission Dolores gab dem heutigen Stadtbezirk seinen Namen: Mission Distrikt.

Wir würden auch noch länger bleiben, aber die Berge rufen. Wir sind bereits fünf Tage in der Stadt, es ist bereits September und wir wollen unbedingt einen ganz bestimmten Pass über die Sierra Nevada erradeln. Es darf nur nicht schneien, dann könnte es klappen. Also ziehen wir weiter und verlassen das wirklich schöne San Francisco. Hoffentlich kommen wir mal zurück!

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Neue Fotos online

Hallo,

in der Galerie findet ihr nun  die Fotos von Oregon.

Liebe Gruesse aus Page (Arizona).

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Oregon (USA / September 2011)

Washington haben wir in nur fünf Tagen durchflogen, nun zieht es uns nach Oregon. Die Grenze zwischen den beiden Staaten bildet der Columbia River, über den eine 6,5 km lange und am Ende recht steile Brücke (Astoria-Megler-Bridge) gebaut wurde. Der Verkehr quetscht sich auf den zwei Spuren hinüber nach Astoria. Es gibt keinen Fahrradweg und wir beeilen uns mächtig, um nicht vom Wind oder von den Autos ins ins Wasser geschubst zu werden.

Kurz vor der Brücke treffen wir Andi wieder, die wir auf Vancouver Island kennengelernt hatten. Sie kommt aus Frankfurt und ist allein von Vancouver bis nach San Diego unterwegs. Sie reist ein paar Tage mit Ross, einem amerikanischen Reiseradler, der ein unglaubliches Tempo drauf hat. Zusammen wollen wir in einer Radkarawane die Brücke meistern. Schon nach kurzer Zeit ist Ross weit voraus. Wir treffen uns auf einem Parkplatz wieder, gehen zusammen ins Visitor Center, um Kartenmaterial zu besorgen und quatschen noch ein Weilchen.

Hardy und mich zieht es weiter. Die beiden bleiben heute Nacht in Astoria, sie nutzen wie wir, die Möglichkeit bei warmshowers host unter zu kommen. Bei einem Fred Meyers, einem dieser riesigen Supermärkte, frischen wir unsere Vorräte auf. Ich bin begeistert über das große Angebot und komme mit drei Tüten heraus. Wir schaffen es alles in die Packtaschen zu quetschen. Hardy kann es nicht lassen und muss noch einmal rein, da ich seine Wurst vergessen hatte, die er unbedingt mal ausprobieren wollte. Am Ende kauft er wie viel zu teure Waren und verdoppelt damit fast unsere Ausgaben für den Tag.

Heute knacken wir die 5000 km! Todmüde kommen wir abends am Hiker Biker Platz des Nehalem Bay State Parks an. An diesem Tag haben wir auch unsere längste Distanz bewältigt, 127 km sind es geworden. Es ist dunkel, als wir unser Zelt aufbauen. Wir kochen schnell und gehen müde nach einer heißen Dusche ins Bett, heute schaffen wir es nicht einmal mit den anderen Radlern um uns herum zu reden.

In Tillamok besuchen wir eine Käsefabrik. Neben den Kostproben der verschiedenen Käsesorten, kann man, wie im Zoo, den Arbeitern und Arbeiterinnen durch eine Glasscheibe bei ihrer Fliesbandtätigkeit zuschauen. Die Touris stehen oben und schlecken Eis, unten wird gearbeitet. Wir kaufen dann auch eines.
Oft kehren wir zu den Kostproben zurück und langen kräftig zu. Hardy schlägt sich den Bauch voll bis ihm fast schlecht wird. Obwohl dieser Käse fast nach nichts schmeckt, ist er für uns ein Hochgenuss. Wir hatten so lange keinen mehr!

Wir beschließen diesen Tag ruhiger angehen zu lassen und machen nach dem Mittagessen Schluss. Am Cape Lookout schieben wir die Räder wieder auf einen Hiker Biker Platz und machen einen schönen Spaziergang durch die nahen Wälder und runter auf den Strand. Es ist eine wilde Küste mit steilen Klippen. Der typische Nebel dieser Gegend holt uns ein, es ist fast gespenstisch.

Auch am Morgen ist es uns aufgrund der dichten Nebelschwaden nicht möglich die Seelöwen, die am Fuße der Klippen leben sollen, zu sehen. Ebenso sehen wir oftmals nicht die nahenden Autoscheinwerfer. Wir fahren sehr vorsichtig. Hardy steckt sich sein blinkendes Rotlicht an und ich hole meine super schicke Warnweste raus. So nebelig hatten wir es nie!

Auf Teilstrecken können wir dem Hwy 101 entfliehen und auf dem alten Hwy radeln. Dieser schlängelt sich über diverse Hügel ins ruhige Hinterland. Ohne den ständigen Motorenlärm fahren wir an kleinen Häusern und Farmland vorbei. Seit Tagen finden wir zum ersten Mal einen stillen Platz zum Mittagessen. Gegenüber einer Farm nutzen wir ein schattiges Plätzchen einer selbstgebauten Bushaltestelle. Sogar zwei Plastikstühle finden wir und nebenan wachsen viele viele reife Brombeeren, die wir zum Nachtisch pflücken, bzw. mit ihnen unser Peanut-Butter-Toastbrot aufpeppen. Wir sind genau zur richtigen Zeit hier. Brombeeren werden unsere ständigen Reisebegleiter. Hardy verfeinert seine Kriterien bezüglich der Wahl der Plätze, an denen er nach Anstiegen auf mich wartet dahingehend, dass Brombeeren zu erreichen sind!

Vorbei geht es an vielen kleinen touristischen Orten. Wir passieren die Sanddünen Oregons, teilweise ist der Sand bis an die Strasse herangeweht worden.

An einen recht nebeligen Nachmittag, wie soll es auch anders sein, sehen wir schon von weitem einen riesigen steinernden Hügel im flachen Wasser liegen. Es handelt sich hierbei um einen grossen Monolithen.

Vor uns joggt ein Mann mit Warnweste, er hält einen Stab in der Hand. Ein Begleitfahrzeug fährt hinter ihm. Wir fragen uns, was dies zu bedeuten hat und halten bei einer Gruppe an, die dem ankommenden Läufer Beifall klatscht. Sie erklären uns, dass sie Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner seien, die hier einst lebten und vertrieben wurden. Mit diesem Lauf erinnern sie an die Vertreibung und Umsiedlung jener in ein Reservat. Sie laufen die Strecke nach, die auch ihre Vorfahren von ihrer Heimat ins Reservat zurücklegen mussten. Allein oder in Gruppen laufen sie mindestens eine Meile und werden dann abgelöst. Der Läufer mit dem Totemstab muss vorne weg rennen, der Stab darf niemals den Boden berühren.

Wir freuen uns auf morgen, denn unser Abstecher ins Inland Oregons zum Crater Lake steht an. Schon eine Weile hatten wir gegrübelt wie wir unsere Küstenradelung verschönern können, dieser Nebel, die zwar interessant aber dann doch monotone Küstenlandschaft, der ausgetretene Weg und insbesondere der Verkehr wie auf einer Autobahn schmälert unser Vergnügen. Mit einem kleinem Gewaltakt haben wir vor diesen Verhältnissen zu entfliehen.

In Reedsport biegen wir von der Küste ab und machen wir an einer kleinen Bäckerei halt. Es ist heiß, wir wollen ein Eis essen und bekommen für den normalen Preis ein extra-grosses! Hardy wählt Schoko-Peanutbutter und ich Joghurt mit Brombeere und Käsekuchenstücken drin. Das beste Eis, dass ich seit langem gegessen habe! Außerdem können wir unser Salz nachfüllen. Hardy meint immer, ich würde zu wenig benutzen, ich halte dagegen, dass sonst unser Salzvorrat einfach immer wieder zu schnell erschöpft sei. Vielleicht brauchen wir ein größeres Gefäß.

Und dann endlich nach 630 km USA finden wir das, wonach wir suchen: Ruhe, tolle abwechslungsreiche Landschaft, weites Farmland und kleine Orte. Es ist heiß und vertrocknet, aber wunderschön. Alles leuchtet in den verschiedensten gelb und braun Tönen.
Wir können die Landschaft um uns herum genießen und müssen nicht unsere Aufmerksamkeit konzentriert auf den nicht aufhörenden Verkehr lenken. Hier gibt es kaum Autos und diese machen einen großen Bogen um uns.

Wir fahren vorbei an einem Reservat für Elke und können sogar eine Herde beobachten. Der Elkbulle macht seine Dominanz in der Herde mehr als deutlich und wir sehen lange zu wie er innerhalb seiner Herde selektiert, vertreibt und begattet. Elke, das sind Tiere die aus europäischer Sicht wie Lebewesen zwischen Elch und Reh aussehen.

Am Abend finden wir nach längerem Suchen einen Platz neben einer Bootsanlegestelle am Umpqua River. So schön es doch ist durch Farmland zu reisen, es hat doch einen starken Nachteil: oftmals führt die Straße durch kilometerlange Zaunreihen zu beiden Seiten. Wir können es nicht oft genug sagen, Amerika ist eingezäunt! Außerdem scheinen viele Amerikaner schrecklich vergesslich zu sein: Schilder erinnern alle Nase lang an Eigentumsverhältnisse oder beispielsweise, dass die Strafe für dies oder jenes Vergehen, jetzt hier im Baustellenbereich, 184 Dollar und nicht wie sonst 92 Dollar beträgt.

Aber wir haben Glück, unser Platz ist wunderschön. Wir bauen unser Zelt am sandigen Ufer des glasklaren Flusses auf und nehmen erst mal ein Bad. Wir stellen fest, dass es wärmer geworden ist, seit Wochen können wir abends wieder lange draußen sitzen und das in kurzer Hose! Der Vollmond scheint, sein Licht spiegelt sich im Wasser, die Grillen zirpen und wir genießen die Stimmung. Etwas Vodka in unserer Plastikflasche gibt es auch noch.

Es folgt unser wärmster Tag bisher. Als wir in Sutherlin anhalten, um Mittagspause zu machen, kommt es uns vor, als ob wir gleich schmelzen. Es ist 33 Grad Celsius im Schatten. Wir setzen uns vor eine Bücherei und nutzen das Internet vor Ort.

In Sutherlin beginnt morgen das Bike Oregon Rennen, an dem 2000 Radler teilnehmen. Zumeist Rennradler fahren gemeinsam eine große Runde durch natürlich Oregon. Überall sehen wir Rennräder, auf den Straßen und auf den anrollenden Autos. Auf einer Wiese ist eine Art Festplatz aufgebaut, mit Bier- und Grillständen. Uns ist der Trubel zu viel, zudem erscheint es uns sehr kommerziell und teuer. Wir drehen nur eine kurze Runde. Bald lernen wir eine Gruppe der Radler kennen. Interessiert begutachten sie unsere, im Gegensatz zu ihren, riesen und super schweren Räder.

Abends suchen wir diesmal drei volle Stunden nach einem geeigneten Schlafplatz. Es ist nichts zu machen, Zäune säumen wieder unseren Weg. Villen weit hinter hohen Mauern wirken unantastbar. Beim Fragen nach Wasser bekommen wir zwei Energiedrinks geschenkt, der erhoffte Platz auf deren Grundstuck für unser Zelt scheint hier aber nicht drin zu sein. Wir fahren weiter, bis wir an einen Fluss herankommen. Es ist wieder eine Bootsanlegestelle. Diesmal aber kurz vor einem Ort. Dieser Fleck gefällt uns nicht, aber es ist schon nach acht und wird bereits dunkel, zudem wollen wir nicht näher an den Ort heran. Zum ersten Mal bauen wir kein Zelt auf, es ist schlichtweg nicht möglich. Auf dem schiefen steinernen Untergrund rollen wir unsere Schlafsäcke und Isomatten auf unserer Plane aus, nur leicht versteckt hinter kleinen Büschen. Ich schlafe schlecht und werde andauernd wach, doch keiner kommt. Dieser Platz ist mit Abstand der am wenigsten versteckte während unserer Reise.

Es ist auch in den folgenden Tagen verdammt heiß! Wir stehen zum Sonnenaufgang auf und haben bis 13 h schon 70 km geschafft. In den vergangenen Stunden haben wir uns langsam immer hoher gekämpft, der Anstieg zum Crater Lake, einem alten Vulkan, hat begonnen. An den Tolkete Falls machen wir eine lange Pause. Die Wanderung zu den berühmten Wasserfallen knicken wir uns, es ist einfach zu warm. Dafür genieße ich die Löcher einer großen und maroden Wasserleitung von ca. 4 Metern Durchmesser, die durch die Landschaft verlegt wurde. An geeigneter Stelle wird in großen Turbinen Strom erzeugt. Aus den vielen Löchern spritzt das kalte Wasser im hohen Bogen. Eine ideale abkühlende Dusche!
Es ziehen Gewitterwolken auf, wir hören Donner, Zeit aufzubrechen. Wir wollen es heute bis zum Diamond Lake schaffen, nur noch 30 km entfernt. So denken wir. Die Angaben der Entfernung stimmen auch, jedoch brauchen wir für diese läppischen Kilometer drei geschlagene Stunden! Es ist so heiß und die Steigung will nicht abnehmen. Wir schleichen vor uns hin. Nach 10 km wartet Hardy mit einem Keks auf mich und nach einer kleinen Pause geht es weiter. Auf dem letzten Abschnitt fängt es kurz und heftig an zu regnen.
Wieder nach acht Uhr erreichen wir den Campingplatz am Diamond Lake. Es ist schön hier, der von Bergen eingerahmte See verfärbt sich im Sonnenuntergang rosa. Unsere Beine fühlen sich an wie Pudding. Wir sind nun auf über 5000 feet Höhe, bald 2000 m. Schnell bauen wir unser Zelt auf und kochen unser übliches Abendbrot. Hardy fällt dann geschafft ins Bett und ist zu nichts mehr zu bewegen. Ich gehe noch lange heiß Duschen und komme zu dem tief und fest schlafenden Radler zurück. Hah, er ist also doch klein zu kriegen!

Crater Lake
Am folgenden Tag habe ich Null Energie, die bleibenden 40 km fallen mir sehr schwer, auch die Hitze macht mir zu schaffen. Bei Hardy scheint es genau das Gegenteil zu sein, fröhlich fährt er vorneweg, knipst Fotos und quatscht mit den Leuten.

Am Eingang des Nationalparks zahlen wir 5 $ pro Person. Es erscheint uns nicht fair, Autos, auch voll besetzt und mit Bikes auf dem Dach, müssen nur 10 $ zahlen. Eine Diskussion mit dem Ranger hilft nichts, er findet es ebenso schwachsinnig, aber kann nichts machen. Wir überlegen in Nationalparks eher hinein zu trampen als zu radeln.

Bevor wir den Kraterrand erreichen fahren wir durch unsere erste Wüste auf dieser Reise. Eine große Fläche mit sehr feinem rötlichem Lavageröll bedeckt regt Hardy zu Fotoeskapaden an. Er ist nicht zu bremsen. Ich muss hier und dort hin radeln und habe bald die Schnauze voll.
Der Crater Lake ist ein See, der sich im Inneren einer Spitze des alten Vulkans Mt. Mazama lang nach seinem Ausbruch vor über 7500 Jahren gebildet hat. Er hat keine Zuflüsse und wird nur von Regenwasser sowie Schmelzwasser gespeist und ist für seine Wasserqualität und intensive blaue Färbung bekannt.
Es ist trocken, der Boden ist sandig. An den Hängen des umfassenden Berges gibt es weit entfernt einen Waldbrand. Schilder säumen den Weg, sie erklären, dass es sich um ein natürliches Feuer handelt, man solle es doch bitte nicht melden.

Die Aussicht über den Rand des Kraters ist überwältigend. Leider ist es dunstig. Die volle Schönheit des perfekten Blaus bleibt uns in dieser Jahreszeit verwehrt, doch wir sind trotzdem froh diesen Weg auf uns genommen zu haben und geniessen die weite ungewöhnliche Aussicht.

Wir folgen einem Wanderweg und finden einen schönen Platz im Backcountry des Nationalparks. Eine nahe Quelle versorgt uns mit Wasser. Hier wollen wir zwei Nächte bleiben und endlich mal wieder relaxen.

Hardy versteht unter relaxen eine Umrundung des Kraters (53 km) und die Besteigung des nahen Mount Scott (2722 m) und steht dafür an seinem freien Tag um kurz nach 6 h auf, um möglichst im Morgenlicht noch Fotos machen zu können. Ich schlafe aus und setze mich zu den vielen Rehen auf die Wiese.

Es geht 50 km bergab, juchu! Es rollt und rollt. Fast zwei Tage harter Aufstieg fliegen nur so dahin!
Wir erreichen wieder Farmland und stellen fest, dass wir gar nicht in den Zoo gehen müssen. Auf den Wiesen und Feldern finden wir die verschiedensten Tiere. Neben Büffeln und Emus gibt es lustige Alpakas, die uns mit ihren großen Augen und einem Grashalm im Mund lange anstarren. Wir starren zurück, sie lassen sich nicht beeindrucken.

Bei bei einem Snack an einem kleinen Kiosk treffen wir auf sieben andere Radler. Es handelt sich um eine Gruppe reiseradelnder Christen. Die drei Männer tragen lange Bärte, allesamt haben dicke Baumwollkleidung an. Sie meinen, sie wollen wie die frühen Christen reisen und begreifen Fahrradfahren als ihren Livestyle. Die Frauen tragen lange weite Röcke. Wir fragen uns, wie sie damit Fahrrad fahren können, aber es scheint möglich zu sein. Sie erscheinen uns interessant und zugleich ein bisschen unheimlich. Die drei Frauen um die 30, 40 Jahre scheinen sehr interessiert an mir zu sein. Mit ihnen kann ich recht offen über ihre Art zu reisen und warum sie denn diese Kleidung tragen, sprechen. Bedauern erfährt die Erkenntnis, dass wir unverheiratet durch die Lande ziehen.
Einer der Männer ist besonders an Hardy interessiert. Hat er etwas zu lesen? Das Thema Gott wird zwar unaufdringlich aber doch breitgelegt. Nach dem das Gespräch mit dem Hinweis auf gut bestückte Muellkontainer hinter großen Supermärkten und deren Zugänglichkeit übergeht (Dumpster-Diving/dt Containern) wird Hardy über die Lehren von Mister XY (steht in der Bibel) belehrt, der schon vor vielen vielen Jahren erklärte, dass irgendwann die Armen den Müll der Reichen durchsuchen werden (hier verkürzt dargestellt). Einige der Radler haben anstatt Landkarten selbstgeschriebene Bibellektüre an ihren Lenkertaschen befestigt.
Neben ihrer Religiosität beeindruckt uns ihre wirklich große Freundlichkeit, den Willen zu Teilen und ihre Gesundheitsvorsorge. Wirklich alle putzen sich nach der kurzen Rast die Zähne und dehnen und strecken sich vor dem Aufbrechen. Wir sollten uns ein Beispiel nehmen!

Wir fragen uns, wie es möglich ist, mit so vielen Menschen zu reisen, da man doch andauernd aufeinander warten muss. Und Tatsache, als die Gruppe aufbrechen will, muss die eine noch mal auf Klo, bei der anderen verfängt sich der Rock in den Speichen, der andere muss nochmal was nachschauen…

Wir sprechen noch lang über diese recht merkwürdige Begegnung. Gern hätten wir mehr Frage gestellt, haben uns einerseits nicht getraut und hatten Vorurteile weiter “bekehrt” zu werden. So intensiven Kontakt mit der zwar erwarteten aber dennoch unheimlich intensiven Religiosität hatten wir während der Reise noch nicht.

Es ist unsere letzte Nacht in Oregon. Wir finden einen wunderschönen Platz in einer day use area an einem ausgetrockneten Flussbett. Morgen wollen wir Californien erreichen und werden unsere ersten Mammut-Baume im Jedediah Smith State Park sehen. Außerdem steht in kürzerer Zeit ein Treffen mit Scheska, einer guten Freundin aus Berlin, an. Wir sind unglaublich gespannt auf diese Begegnung und freuen uns riesig bald zu dritt zu Reisen und langersehnte Stories und hoffentlich auch Mitbringsel in Empfang nehmen zu können. Hoffentlich Schokolade!

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Washington (USA / September 2011)

Mit der Fähre setzen wir von Victoria, auf Vancouver Island, nach Port Angeles, in Washington über. Im Gegensatz zu den schicken neuen BC Ferries, ist diesem, nun us-amerikanischem Schiff sein Alter deutlich anzusehen. Stahl und abgesessene braune Ledersitze prägen das Bild. Das Essen im schiffseigenen Bistro ist so, wie wir es uns von einer amerikanischen Gesellschaft vorstellen: Es gibt nun viel Fastfood, Hamburger und Hotdogs.

Langsam fahren wir in den Hafen von Port Angeles ein und sind ganz aufgeregt, haben wir gehört, dass Alaska noch ganz anders amerikanisch sei. Was erwartet uns nun in den “lower 48”? Wir reden lange darüber, können es nur langsam begreifen wirklich in den USA zu sein. Es fühlt sich an, wie ins Ungewisse zu fahren, irgendwie seltsam. Auch das traurige melancholische Gefuehl nun das erste Land waehrend unserer Reise zu verlassen macht sich breit. Kanada, fuer dessen noerdlichen Teil wir uns nur vorbereitet hatten, hat uns mit seinen Menschen schon tief beeindruckt. Die wilde Einsamkeit der Landschaften und ebenso die geballte intensive Herzlichkeit der Bewohner hallt bestimmt noch lange nach.

Zunächst muessen wir uns aber auf die Passkontrolle und die Konfrontation mit dem Immigrationoffizier einstellen. Wir erwarten ein ähnliches Szenario wie in Anchorage mit vielen Fragen eines kritischen Beamten und sind dann überrascht, dass keine Kontrolle unseres Gepäckes und auch nur ein ganz kurzes Gespräch statt findet. Was, das wars schon? So einfach dürfen wir in die USA spazieren? Und schwupps sind wir drin, selbst unser geschmuggelter Apfel faellt nicht auf

Im Visitor Center besorgen wir uns eine Karte der Gegend und ich (Alena) gehe einkaufen. Die Preise im Riesensupermarkt sind für mich ungewöhnlich niedrig. Ich kaufe sogleich Obst, Gemüse und zur Feier des Tages zwei große 0,7 l Dosen Bier für den Abend mit 8,1 %. Bis dahin müssen wir noch ein bisschen weiter radeln.

Wir gelangen auf den berühmten Hwy 101, der uns eine lange Zeit begleiten wird. Vielleicht habe ich mir diesen Mythos zu schoen vorgestellt. Letztendlich ist es nur eine stark befahrene Straße, die uns vorbei an kleinen Ortschaften und Farmen ‚gen Süden fuhrt. Wir passieren einen wunderschönen großen klaren See, an dessen Seiten steile Berghänge direkt bis ans Ufer reichen. Hier gibt es auch Regenwald, der noerdlichste in den USA. Neben den bemoosten Bäumen erregen große Farne unsere Aufmerksamkeit.

Auf einer Lichtung, gut versteckt, finden wir unser erstes schönes Plätzchen für die Nacht in den United States.Glücklich bereiten wir unser Abendbrot zu und stoßen mit dem Bier an. Da wir nichts mehr gewohnt sind, werden wir bald angenehm beduselt… Um uns herum waechst Fireweed, welches nun fast verblüht ist. Die Prophezeiung aus Alaska, dass das Fireweed mit dem Sommer geht scheint sich zu bewahrheiten. Wir haben Anfang September, der Herbst beginnt und wir sind bereits ein Vierteljahr unterwegs – unfassbar, Berlin und insbesondere unsere letzte Nacht mit dem Abschiedsgrillen und all den lieben Leuten im KITA-Garten, das alles fühlt sich immer noch so nah, fast aktuell an.

Lastwagen beladen mit Baumstämmen uberholen uns oft. „Das riecht ja wie Weihnachten“, sage ich. Der Geruch ist angenehm, die kahlen Flächen, die wir passieren sind dagegen völlig niederschmetternd. Zweimal finden wir in den abgeholzten Flächen einen Platz für die Nacht.

Wir passieren das kleine Städtchen Forks. Es wurde zum Schauplatz der berühmten Twilight Saga auserkoren, was dem heruntergekommenen Örtchen einen finanziellen Aufschwung bescherte. Twilight wird anhand von viel Werbung, wie zum Beispiel durch nächtliche Touren bei Vollmond kommerziell ausgeschlachtet. Wir sehen weder Vampire, noch Wehrwolfe, nur eine Hand voll fotografierender Touristen.

In der Mittagspause vor einem Supermarkt lernen wir unsere ersten ostdeutschen Reiseradler dieser Reise kennen. Ein älteres Paar aus Dresden. Sie haben eine neue Variante unseres Zeltes und sind geschockt, dass uns bereits so viele Zwischenstücke der Zeltstangen zerbrochen sind. Da sie es erst seit drei Tagen im Gebrauch haben, können sie keine Erfahrungswerte an uns weiter geben.

Mit den Beiden teilen wir uns in der folgenden Nacht den Campground im Hoh Rain Forest Nationalpark. Der Weg in die 16 km lange Sackgasse hat sich gelohnt. Wir sahen ja bereits auf unserer Wanderung in Cape Scott (nördliches Vancouver Island) Regenwald, aber dieser hier ist wirklich etwasbesonderes! Riesengroße Bäume wachsen moosüberwachsen zu beiden Seiten des Weges, es ist feucht und kühl und alles riecht intensiv. Der „world largest sitka spruce“ wachst hier. Eine gigantisch große Fichte! Ebenso kreuzt ein für uns neues Tier unseren Weg. Es nennt sich Elk und sieht aus wie eine Kuh mit einem Rehgeweih. Wir sind zutiefst beeindruckt von diesem wunderschönen Naturschauspiel.

In einem Souvenirladen, der gleichzeitig ein Outdoorshop ist und gerade Ausverkauf hat, findet Hardy seine neuen Wanderschuhe.

Unser Weg nach Oregon fuhrt uns an der Westküste der USA entlang Richtung Süden. Bereits in den Vorbereitungen zu diesem Abschnitt hatte ich so einige Bücher von anderen Radlern gelesen. Ich hatte mich von deren Begeisterung anstecken lassen und war zu keiner Diskussion bezüglich einer anderen Routenführung bereit. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass diese Entscheidung fuer uns vielleicht nicht die allerklügste war. Uns beiden ist die Dichte der vielen Autos, Wohnmobile und Lastwagen zu viel. Aufgrund der Enge der Straße fahren sie oftmals dicht an uns vorbei, so dass wir aufpassen müssen, nicht vom aufkommenden Luftstrom umgeschupst zu werden. Zudem ist die Strecke sehr touristisch, es ist voll und Hotels sowie Souvenirladen gibt es in Hülle und Fülle. Fur die wenigen schoenen Strandabschnitte oder netten Örtchen lohnt es sich nicht, diesen Abschnitt in Washington zu radeln, so finden wir. Hardy ist bereits schnell angenervt, bei mir dauert es eine Weile, aber auch dann bin ich ernüchtert. Wir fragen uns warum das so ist. Sind wir von unseren bisherigen Erfahrungen aus Alaska und Kanada zu verwöhnt und fangen nun an zu vergleichen?

Ein paar Veraenderungen gibt es. Zum einen bekommen wir erstmalig an einem Bistro nach einer wirklich nur kurzen Unterhaltung 20 Dollar in die Hand gedrueckt. Jemand moechte uns Unterstuetzen und ein Teil unserer Reise werden. Es ist Mittagszeit und die Sonne drueckt sowieso: Wir investieren das Geld gleich in zwei grosse Burger mit Pommes…

Ausserdem passieren uns leider gleich zwei aeussert unangenehme Erlebnisse. Gerade als wir uns durch den Wald kaempfen kommt ein Auto angefahren und die Insassen bewerfen uns doch tatsaechlich mit Muell. Eine Plastikflasche verfehlt nur knapp Hardys Kopf. Ich bin noch lange geschockt. Leider muessen wir sagen, dass wir seit dem Eintreffen in den USA ein deutlich aggressiveres Fahrverhalten mancher (wirklich nicht aller!) Autofahrer feststellen koennen. Nicht nur einmal werden wir durch Anhupen auf unsere Dreistigkeit die Strasse zu benutzen hingewiesen.

Wir treffen viele andere Reiseradler, die an der Küste von Washington nach Kalifornien fahren und es hier total toll finden. Ein lustiges Paerchen macht diese Reise bereits zum fünften Mal. Beide sind mit einem Anhänger unterwegs, haben einen kleinen Bauch und haben des Komforts wegen Klappstühle mit dabei. Sie erzählen witzige Anekdoten und wissen ganz genau welches kleine Café sie zum ersten und dann zum zweiten Frühstuck ansteuern werden.

Auf den Hiker-Biker Campingplätzen treffen wir abends die gleichen Radler wieder. Hiker-Biker Campgrounds sind Areale, abgetrennt auf herkoemmlichen Campingplaetzen, die gegen 5 Dollar zu benutzen sind. Sie sind meistens abseits des Betrieb und verfuegen nur ueber ein Dixiklo und einen Wasserhahn. Schoen gelegen bieten sie uns mitunter eine willkommene Abwechslung zum Wild-Campen, dass seit dem Betreten des Festlandes mit langem Suchen verbunden ist. Was wir gehoert haben scheint sich zu bestaetigen. Die USA ist fast komplett eingezaeunt. Schilder mit den Aufschriften :“No Trespassing. Keep Out! Private Property.“ koennen wir nicht mehr sehen.

Viele der Rader fahren nach dem Guidebook “Bicycling the Pazific Coast” und folgen diesem Spot für Spot. Wir finden es nett sie des öfteren wieder zu treffen und zu quatschen, können uns aber ein solches Reisen für uns nicht vorstellen.

Wir beginnen uns Gedanken über eine alternativ Route zu machen. Wir wollen versuchen Richtung Osten ins Landesinnere abzubiegen. Wir mochten durch Farmland radeln und unsere innere Ruhe wieder finden. Der Crater Lake in Oregon schwebt uns dabei vor.

*******  Fotos zu dem Text sind online (Siehe Galerie). Gruesse aus LAS VEGAS, wir haben all unser Geld verspielt!   *******

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Aktueller Stand, neue Fotos online (03.10.2011)

Hallo!

Seit Victoria sind wir schnell wie der Wind die Kueste Washigtons und Oregons runter geradelt. Nach einem kleinen Abstecher zum Crater Lake NP gings nach Californien.

Diesen Staat haben dann gemeinsam mit Scheska beradelt und das facettenreiche San Francisco genossen. Unsere letzen Tage verbrachten wir in Dixon auf einer organic farm bei Loraine und Nigel. Heute  wollen wir zum Yosemite Nationalpark aufbrechen.
Uns gehts wie immer prima, das Wetter ist heiss, in Yosemite erwarten wir Schnee. Weitere Texte sind in Arbeit.

Ausserdem moechten wir uns auch bei allen fuer die vielen lieben Briefe und Geschenke bedanken!!!  Wir haben uns extrem gefreut!

In der Galerie findet Ihr neue Fotos von Vancouver.

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Sunshine Coast, Vancouver und Victoria (BC / Canada / August 2011)

Sunshine Coast

Gut gelaunt verlassen wir bei strahlendem blauen Himmel die Fähre, die uns von Little River nach Powell River gebracht hat. Nun sind wir also wieder auf dem Festland. Als erstes steuern wir das Einkaufscenter an. Ich (Alena) gehe, wie so oft, einkaufen wahrend Hardy die Emails checkt. Noch lange sitzen wir vor dem Computer und ärgern uns, auch wie so oft, dass wir uns nicht vom Internet losreißen konnten.

Ich scheine mich bei Hardy angesteckt zu haben. Mir ist heiß und kalt und mir fällt alles schwer. Hardy meint, ich trinke wie ein Esel. Dennoch beschließen wir weiter zu radeln, denn Vancouver lockt und hier an der Sunshine Coast ist es sehr bebaut, kein schöner Platz, um sich auszuruhen.

Verschiedenste Menschen empfahlen uns die Route an der Küste anstatt auf Vancouver Island südlich bis nach Nanaimo herunter zu fahren, um dort mit der Fähre zu queren. Es sei so schön hier. Wir können dem nicht so ganz zustimmen. Die Coast sehen wir nur selten, die Straße führt hinter einem Wall aus Bäumen entlang. Es ist hügelig und Seitenstreifen sind Mangelware. Aber wenigstens sehr sonnig ist es.

Um bis nach Vancouver zu gelangen, müssen wir zwei weitere Fähren benutzen. Wir schaffen es, diese zwar knapp aber immerhin ab zupassen und genießen die verkehrsberuhigte Zeit zwischen den Fährstoßzeiten.

Kurz nach der zweiten Bootstrip lernen wir Andrea kennen. Sie radelt allein von Vancouver nach San Diego. Hardy ist begeistert mal wieder quatschen zu können, ich kümmere mich derweil um das Befüllen unserer Wasserflaschen. Andrea möchte eine Runde auf Vancouver Island drehen und danach den Weg an der Küste Richtung Süden antreten. Vielleicht sehen wir sie wieder.

Straßenschilder, die vor „Invasive Plants“ warnen, säumen immer wieder den Straßenrand. Unterwegs hält mir Hardy gerne kleine Vorträge über Neophyten und deren problematischen Eigenschaften. In Kanada wird intensiv gegen eingewanderte und verbreitungsfähige Pflanzen vorgegangen. Manche dieser Pflanzen werden bei Mahd zum falschen Zeitpunkt begünstigt und müssen zur richtigen Zeit mitunter in aufwendiger Handarbeit bekämpft werden.

Am Abend haben wir es nicht leicht einen Schlafplatz zu finden. Es dämmert bereits, als wir nach einer zweistündigen Suche ein unbebautes und zugleich verstecktes Fleckchen finden. Nach unseren vielen Besuchen bei den warmshowers-Mitgliedern, die wirklich toll waren, ist es schön wieder zu zelten und abends allein zu sein und die Zweisamkeit genießen zu können. Ständiges Konzentrieren auf die englische Sprache, permanente Kommunikationsbereitschaft und Offenheit für soziale Kontakte hatte uns in der letzten Zeit ganz schön geschafft. Trotz meines angeschlagen Zustands radelten wir heute wie verrückt. Ich bin mal wieder erstaunt über unsere neu entwickelten Fähigkeiten.


Vancouver

Eine weitere Fährfahrt trennt uns von Vancouver. Ich bin immer noch erkaltet und quäle mich die Steigungen hoch. Wir schaffen diese ganz knapp. Vom Anleger in die Innenstadt gibt es ein interessantes Radwegesystem: Es geht über den Highway. Dessen Seitenstreifen wurde einfach zum Radweg umbenannt. Es fühlt sich an, als fuhren wir auf dem Berliner Stadtring. Auf drei Spuren brausen die Autos und Lastwagen an uns vorbei. Die Sonne burnt. Im Schatten einer Brücke machen wir eine Verschnaufpause. Insgesamt fahren wir ungefähr eine Stunde auf dem Highway. Die Ausfahrt zum Stanley Park ist endlich die unsere! Um ihn zu erreichen, müssen wir über die große Lyons Gate Bridge fahren. Eine lange, gebogene Brücke, auf der es erst einmal bergauf geht. Zum Glück gibt es auch hier eine Fahrradspur.

Wir sind völlig verwirrt, begeistert und überwältigt zugleich, plötzlich schwappt das Grossstadtleben wie eine hereinbrechende Welle über uns und schließt uns sogleich mit ein. Der Autoverkehr der Rushhour schiebt sich neben uns über die Brücke, Rennradler überholen uns, Fußgänger genießen die tolle Aussicht, über uns kreisen Flugzeuge und unter uns laufen riesige Kreuzfahrtschiffe neben vielen kleinen Segelbooten aus. Es ist laut und riecht ganz anders. Das Leben pulsiert hier. Wir wissen nicht, was mit uns geschieht und vor allem nicht, wo wir als erstes hinschauen sollen! Vancouver, das ist unsere erste Großstadt nach dem Verlassen Berlins. Die lange Zeit in der Wildnis und Einsamkeit Alaskas und Kanadas macht sich nun bemerkbar, wir können es nicht so ganz fassen in einer Stadt zu sein, sind dennoch total begeistert!

Rennradfahrer und Fußgänger bleiben stehen, um sich mit uns zu unterhalten. Sie bieten uns eine Bleibe an. Wir lehnen dankend ab, haben wir uns wieder etwas über warmshowers organisiert. Diesmal wohnen wir bei Florian. Der hatte uns bereits bis ins kleinste Detail den Weg zu seinem Haus auf den verschiedenen Fahrradwegen beschrieben. Wir sind begeistert von dem gut ausgebauten Radwegsystem der Stadt, welches intensiv genutzt wird.


 

Wir brauchen bestimmt zwei Stunden zu Florian. Immer wieder halten wir an und können uns nicht satt sehen. Wir bahnen uns den Weg durch den riesigen Stanley Park. Die Leute hier gehen spazieren, hängen rum oder machen Sport. Für uns total interessant!

Wir folgen dem Radweg zur Promenade. Hier liegen große sowie kleine Segel- und Motorboote vertäut. Wir bewundern die Glasfassaden der riesigen Hochhäuser. Auf den Rasenflächen zwischen den Häusern macht eine Gruppe Gymnastik, andere Menschen stehen mit Stechpaddeln auf ihren Surfbrettern, um so durch den Hafen zu fahren. Auf einigen Surfbrettern sitzen sogar Hunde ganz vorn mit drauf. Dies ist eine völlig neue Sportart für uns. Es sieht schwierig und anstrengend aus.



Am frühen Abend kommen wir dann doch noch bei Florian an. Er wohnt mit seiner Freundin Rebecca und ihren beiden Söhnen Chan und Annuk in einem kleinen alten blauen Holzhaus in einem ruhigen Viertel in der Nähe von Chinatown. Der Rest der Familie ist gerade auf einem Verwandtenbesuch in der Schweiz .

Florian ist lustigerweise Landschaftsarchitekt. So geraten Hardy und er des öfteren ins Fachsimpeln. Weitere Berührungspunkte sind ihre gemeinsame Leidenschaft für kreisrunde Brillen.

Rebecca und Florian starteten vor einigen Jahren mit der gleiche Idee wie wir ihre Reise. In Vancouver verweilten sie einige Zeit, Rebecca wurde schwanger und als Chan alt genug war, etwa mit zwei Jahren, konnte die Reise weiter gehen. Die drei sind ganz langsam bis nach Ushuaia geradelt, mit einem Kinderfahrrad und einem Anhänger im Gepäck. In Neuseeland stellten sie fest, dass irgendwie die Luft raus sei. Zudem kam Chan in ein Alter, indem Freundschaften und ein festes zu Hause für ihn immer wichtiger wurden. So kehrten sie nach Vancouver zurück. Wir sind begeistert bei einem für uns so interessanten, inspirierenden und lieben Gastgeber gelandet zu sein. Florian erzählt uns viel über ihre Reise und hält für uns eine persönliche Diashow. Wir fachsimpeln über Zelte und Schlafsäcke und studieren mit ihm Karten. Auf ihrem Computer laufen im Hintergrund Fotos der Reise und an den Wanden hängen neben Kinderzeichnungen ebenso welche. Hardy und ich sind beeindruckt und begeistert von ihrem Abenteuer als Familie. Und kommen zu der Erkenntnis, dass es anscheinend doch gut geht mit einem so kleinen Kind eine Radreise anzutreten. Das konnte ich mir bisher nicht vorstellen. Klar, sind die drei bestimmt wesentlich langsamer unterwegs gewesen als wir es z.B. zur Zeit sind. Ich bin tief beeindruckt wo der Art, wie anscheinend Rebecca und Florian mit ihren Bedürfnissen und vor allem mit den von Chan umgegangen sind.

Wir fühlen uns in dieser kleinen Wohnung mit ihrer gemütlichen Atmosphäre super wohl und bleiben letztendlich länger als eigentlich beabsichtigt. Vancouver hat einfach so vieles zu bieten, Stadtleben kann ja so schön sein!

Am morgen schlafen wir erst einmal aus und kommen dementsprechend spät vor die Tür. Ich mochte mir die Promenade mit all ihren Schiffen noch mal in Ruhe ansehen und danach gehts nach Chinatown. Neben vielen chinesischen Lebensmittel- und Souvenirläden treffen wir auf viele schräge Gestalten in diesem Viertel. Florian erklärt uns später, das insbesondere in dieser Gegend viele obdachlose und drogenabhängige Menschen leben würden. Das Viertel, in dem Florian wohnt liegt genau daneben und er empfiehlt uns des nachts die Räder mit in die Wohnung zu nehmen. Auch ist Vancouver bekannt für Fahrraddiebstahl, wir wurden bereits von unseren Hosts auf Denman Island vorgewarnt. So leiht uns Florian ein gutes Bügelschloss aus. Wir haben nur zwei Kabelschlosser dabei und fangen an darüber nach zu sinnieren, ob wir nicht eines der beiden gegen ein stabileres Bügelschloss austauschen sollten.

Heute Abend kriegen wir außerdem Besuch, Florian hat zwei andere Warmshower-Gaeste, für die er wegen unserer Anwesenheit keinen Platz hatte, sowie deren Host zum Abendbrot eingeladen. Hardy bereitet fleißig Seitan vor, der super ankommt. Wir lernen Siobhan und Matt aus Australien kennen, die, wie es der Zufall will, auch bis nach Argentinien radeln wollen. Die Beiden sind begeisterte Surfer und haben ihre (kleinen) Bretter natürlich mit dabei. Um diese transportieren zu können, haben sie sich Räder gekauft, deren Rahmen verlängert ist, so dass sie die Surfbretter auf dem Gepackträger platzieren können. Zudem radeln sie mit extra dicken Reifen, um auch am Strand fahren zu können. Hardy und ich sind uns in diesem Punkt einig: das wären keine Räder für uns. Auch können wir es uns nicht vorstellen am Strand zu fahren, da das Salz die Kette sowie die Gangschaltung angreift.

Wahrend wir mit den Rädern die Innenstadt erkunden, treffen wir Walter zufällig an einer Bushaltestelle wieder, als er gerade mit seinem Rucksack auf dem Rücken aussteigt. Wow, wir haben nicht damit gerechnet ihn plötzlich hier in der Großstadt zu sehen und verabreden uns, um am folgenden Tag gemeinsam Sushi essen zu gehen.

Am frühen Abend gehen wir zu einer critical mass . Diese findet einmal monatlich statt. Hunderte von Radfahrern treffen sich, um gemeinsam den Punkt der kritischen Masse zu überschreiten und eine Runde auf den Straßen Vancouvers zu drehen. Sie wollen nicht den Verkehr blockieren, sie sind nun der Verkehr. Demonstriert wird für eine fahrradfreundlichere Welt in der aus ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten kritisch und reflektiert mit der Nutzung verbrennungsmotorbetriebener Vehikel umgegangen wird. Wir sind beide tief beeindruckt, wie viele Radfahrer gekommen sind. Jung und Alt machen sich auf den verschiedensten Fahrrädern auf der Straße breit. Einige haben Boxen auf ihren Gepackträgern montiert und begleiten uns mit Musik. Was für eine Stimmung, so viele begeisterte Radler! Immer wieder fahren Leute vor, um sich quer vor die Autos der kreuzenden Straßen zu stellen. Einige Autofahrer hupen uns herzlich zu, andere sind genervt des verursachten Stillstandes. Viele Fussgänger freuen sich und klatschen uns zu, Fotos werden von allen Seiten geknipst. Auch Polizisten auf Mountainbikes sind mit dabei und begleiten den Zug am Rande. Nach einem Anstieg ist einer von ihnen im Gegensatz zu den meisten Radlern total außer Atem, ha ha! Wir sehen auch, dass die Polizisten doch wirklich Knöllchen an biertrinkende Radler verteilen.

In einer bestimmt 20 km langen Runde geht es über alle Brücken Vancouvers. Auf ihnen wird kurz gestoppt und gefeiert, indem die Drahtesel in die Luft gehoben werden. Wir sind heute so viele Radler, dass es diesmal auch auf die große Lyons Gate Bridge geschafft wird. Vor Ort freuen sich die Leute riesig und verweilen langer, bis die Polizei die Menschen nötigt die Brücke zu verlassen. Jene war komplett gesperrt worden. Zum Abschluss geht es in den nahen Stanley Park, in dem sich langsam die Masse auflöst.

Auch wir fahren nach Hause. Wir sind noch mit Florian verabredet, er will uns weitere Fotos über seine Reise zeigen. Am Wochenende werden wir sturmfreie Bude haben, da Florian mit Freunden einen nahen Gletscher besteigen will. Für unsere Zeit in Vancouver haben wir ein zu Hause gefunden. Wir fühlen uns super wohl im kleinen blauen Haus. Es tut uns gut und gibt uns neue Kraft für weitere Kilometer.

Mit Walter treffen wir uns downtown, um ein „all you can eat sushi“ für 12 $ pro Person zu genießen. Da die Zeit des Verweilens im Restaurants auf 1 1/2 Stunden begrenzt ist, beeilen wir uns und bestellen quer Beet, ohne zu wissen, was uns erwartet. Es ist eine leckere und sehr interessante Erfahrung. 

Wir nutzen die Infrastruktur der Stadt, um bei Mountain Equipment Coop, dem hiesigen Outdoorshop, ausstehendes Equipment zu kaufen. Eine neue Kette, Socken sowie Schnellspanner sind fällig. Leider können, bzw. wollen die Mitarbeiter uns nicht mit meinem Isomattenproblem helfen. Da ich die kaputte Isomatte nicht hier gekauft hatte, können natürlich sie auf Garantie nichts tun. So ein Mist! Wir planen im nahen Victoria eine andere Filiale unsicher zu machen.

Ebenso nutzen wir die Zeit, um intensiv mit unseren Familien zu telefonieren und zu skypen. Es ist schon, mal wieder mündlichen und nicht nur schriftlichen Kontakt zu haben!

Als Florian abends völlig müde von seiner Wanderung heimkehrt, warten wir bereits mit einem leckeren Abendessen auf ihn. Hardy hatte auf dem Fischmarkt einen pink salmon (Lachs) gekauft, den wir alle drei genießen. Es ist unser letzter gemeinsamer Abend. Wir verabschieden uns herzlich. Schade, dass wir den Rest der Familie nicht kennen lernen konnten. Vielleicht treffen wir sie irgendwo auf dieser Erde wieder. Florian meint, ihre Reise wäre noch nicht zu ende und Rebecca habe bereits weitere Plane!


Victoria (Vancouver Island)

Unser Weg in die USA (hier „lower 48th“) fuhrt uns per Boot zurück nach Vancouver Island. Von dort werden wir in ein paar Tagen mit der nächsten Fahre nach Washington übersetzen.

Um zum Pier zu gelangen, müssen wir das riesige Vancouver durchqueren, d.h. 40 km Stadtverkehr. Dafür brauchen wir drei Stunden. Ich mag es nach wie vor nicht in urbanen Räumen zu radeln. Für mich bedeutet dies einen großen Stressfaktor. Zum Glück haben wir einen Radwegestadtplan dabei, so dass sich die Strecke letztendlich als durchaus machbar heraus stellt. Vor dem George Massey Tunnel warten wir eine Stunde auf ein Fahrradtaxi. Dieser darf nur mit dem Auto durchquert werden. Zusammen mit dem muffeligen und unfreundlichen indischen Fahrer laden wir die Räder auf den Anhänger. Wir sind überrascht, das Taxi ist umsonst.


Auf dem großen Gelände der Fährgesellschaft sehen wir zum erstem Mal Schilder, die das Ausfuehren von Bienen ausdrücklich verbieten. Wir gelangen zurück nach Vancouver Island und haben an diesem Tag noch weitere 30 km vor uns, um Victoria zu erreichen. Dort haben wir natürlich wieder einen warmshowers-host gefunden! Diesmal wohnen wir bei Luke, der mit vier weiteren Freunden zusammen lebt. Es gibt zwei Katzen und im Vorgarten laufen fünf Hühner herum. Diese sympathisch chaotische WG erinnert uns sehr an die KITA zu Hause. Im Garten bauen sie Gemüse und Obst an, es gibt Kräuter und jede Menge Brombeeren, die gerade reif sind. Die Küche der Fünf ist derzeit (oder meistens?) ein nettes Durcheinander. Es hängen getrocknete Kräuter herum, die Regale sind voller Essen. Im Moment sind sie mit dem Einwecken von Roter Beete, Tomaten und diversen Fruchten beschäftigt. Die Küche ist viel zu klein für all die Einweckgeräte und die vielen Menschen. Wir setzen uns in eine Ecke und beobachten interessiert die Szenerie. Sie scheinen das Einwecken voll drauf zu haben. Alles geht zack zack. Wir tragen unseren dazu Teil bei, indem wir die Küche putzen. Die Fünf sind super nett und interessant. Unsere Gesprächsthemen bewegen sich um Punkrock auf Vancouver Island und die hiesige Squatterszene (klein). Wir scheinen in der alternativen Szene gelandet zu sein. Das hatten wir schon lang nicht mehr.

Am Morgen dürfen wir frische Eier verspeisen. Luke berichtet begeistert, dass die Hühner fast keine Arbeit verursachen … und Hardys Idee der Hühnerhaltung im KITA-Garten nach unserer Rückkehr nimmt weitere Formen an.

Wir besichtigen Downtown sowie Chinatown und essen unseren ersten Burrito zum Mittag. Diesmal haben wir beim Mountain Equipment Store Erfolg! Dank unserer, bzw. Hardys freundlicher und zugleich penetranter Art sowie einem Anruf seinerseits bei Therm A Rest (dem Isomattenhersteller) in Seattle, bekomme ich eine neue Isomatte gegen meine alte kostenlos ausgetauscht. Meine Freude ist groß! Denn dies war auch dringend notwendig, die Beule genau in der Mitte der Matratze wurde immer grosser und ich traute mich schon gar nicht mehr sie richtig aufzupusten. Zudem habe ich das neuste Modell bekommen, da meine alte Matratze nicht mehr hergestellt wird! Wir kaufen doch ein Bügelschloss und neue Regenüberzieher für Hardys alte Hinterradtaschen.

Victoria wurde uns als eine sehr schone englische Stadt beschrieben, mit typisch englischen Garten und Teeladen. Wir finden keines von beidem und können der Schönheit nicht so ganz zustimmen. So beschließen wir keinen zweiten Tag zu bleiben. Wahrscheinlich ist aber unsere aufflammende Reiseunruhe ausschlaggebendes Moment. Ab Port Angeles in Washington/USA soll endlich mal wieder einige Wochen kontinuierlich radelnd gereist werden… Wir freuen uns drauf!

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Vancouver Island (BC / Canada / August 2011)

Morgens um 5:00 Uhr kommen wir in Prince Rupert an. Die Nacht war kurz, aber wir haben dennoch ein Mützchen Schlaf finden können.

Da die Fähre nicht wie erwartet erst um 6:00 Uhr ankommt, ist kein Gerenne zum Ticketschalter notwendig. Mit viele anderen Reisenden warten wir auf die Ankunft der folgenden Fähre, die uns durch die Inside Passage bis nach Port Hardy auf Vancouver Island bringen soll. Mit der Inside Passage wird der gesamte Schifffahrtsabschnitt zwischen Anchorage/Alaska und Vancouver Island/Kanada beschrieben. Wir befahren die südliche Hälfte. Zwischen den der Küstenlinie vorgelagerten Inseln befinden sich breite schiffbare Kanäle, die sowohl vom kommerziellen Schiffsverkehr als auch von Meeressäugern gleichermaßen beliebt sind. Unser Abschnitt wird laut Reiseliteratur als lohnend bis spektakulär beschrieben. Hohe Berge, Klippen und Wale sollen hervorragend zu sehen sein und diese Fahrt zu einem Erlebnis der besonderen Art werden lassen. Entsprechend gespannt freuen wir uns auf die nun vor uns liegende gemütliche Tagesreise auf dem Wasser und hoffen, dass sich das gegenwärtige Regenwetter aufklärt und uns die erhofften Blicke gewähren lässt.

Vorteilhaft am Fahrradreisen bei gleichzeitiger Fährennutzung ist die Gleichstellung mit Fußgängern. Zusammen mit diesen wenigen können wir als erste auf die Fähre gelangen. Noch vor dem großem Ansturm wollen wir uns die besten Plätze aussuchen. Leider wissen das Andere auch, so erhalten wir nach dem Vertäuen der Fahrräder im Laderaum nur die zweitbesten Plätze, die immer noch hervorragend sind. Backbords sitzen wir parallel zur Fensterfront in gemütlichen Sesseln. Strom zum Laden unserer Geräte sowie Akkus ist vorhanden und Essen haben wir auch in Hülle und Fülle dabei. Neben uns sitzt Walter, den wir schon auf Haida Gwaii kennen gelernt haben.

Die Wolken werden dichter, bald fängt es an zu regnen. Ich (Hardy) bin bisher mäßig beeindruckt von dieser Fahrt. Für diesen horrenden Eintrittpreis hatte ich schon ein paar Sonnenstrahlen erwartet. Zumindest gibt es kostenlos Milch. In der Cafeteria befindet sich hinter der Kasse ein Milchspender für die, die sich teure heiße Getränke leisten können oder wollen. Mein großer Colabecher kann dort regelmäßig gefüllt werden. Zudem gibt es dort Marmelade und Butter sowie Gewürze zum Mitnehmen. Unser Frühstück und Mittagessen wird abwechslungsreicher! Dieser Service kommt uns übrigens auch auf den anderen Fähren in BC/Kanada sehr gelegen. Ich laufe immer mit Milchbart herum.

 

Plötzlich lässt sich eine große Schwanzflosse blicken, ein Raunen geht durch das Abteil in dem wir sitzen. Hektisch fummeln auch wir an unseren Fotoapparaten, um den Waal kurz vor dem Abtauchen noch erwischen zu können. Ich bin beeindruckt, dass dieses Tier sich nicht von dem bestimmt ohrenbetäubenden Lärm unter Wasser abschrecken und sich sogar zu einem kleinen Sprung hinreißen lässt. Spektakulär spritzt in weiter Ferne der Schaum. Zumindest ein Wunsch ist in Erfüllung gegangen! Noch zwei weitere Male sehen wir Wale.

Leider bleibt es bei diesen Highlights. Das Wetter wird noch trüber, von der Landschaft bekommen wir fast nichts mehr mit. Mich langweilen mit der Zeit die nahen Huegel mit ihrem immer gleichen dichten Nadelbaumbewuchs, ich hatte mehr von dieser Fahrt erwartet. Wahrscheinlich haben wir Pech mit dem Wetter gehabt. Sowieso scheint hier in BC das Wetter in diesem Sommer verrückt zu spielen. Die Menschen berichten von soviel Regen und Kälte wie schon lange nicht mehr zu dieser Jahreszeit. Wir konnten davon auf dem Cassier Hwy ein Lied singen und sind doppelt froh auf der immer regnerischen Inseln Haida Gwaii ein paar der äußerst seltenen Sonnentagen erwischt zu haben.

In der Touri-Info auf der Fähre berichtet uns der freundliche Tourismusinformator, der sogar einen Vortrag in Form eines Lobliedes über Vancouver Island im schiffseigenen Kino hält, von der Möglichkeit der Nutzung eines Wassertaxis zum östlichen Startpunkt des North Coast Trail auf Vancouver Island. Das wollen wir versuchen, endlich stehen wieder ein paar Tage Wandern auf dem Programm! Auch Walter können wir begeistern, wir planen nach Ankunft auf Vancouver Island zu dritt eine Woche die Nordkueste unsicher zu machen.

Nach 15 stündiger Fahrt legt die Fähre im Dunkeln östlich von Port Hardy an. Nur wenige Meter nach dem Fähranlieger finden wir einen ruhigen Rastplatz, Walter und die zwei Jungs ohne Kocher von Haida Gwaii sind auch schon da. Am nächsten Tag wollen wir in Port Hardy alle nötigen Infos für unsere Wanderung einholen. 

Wem es noch nicht aufgefallen ist: In Port Hardy steckt mein Name! Dementsprechend entzückt möchte ich mich vor allen Schildern von Alena fotografieren lassen. Soviel Hardy hatte ich noch nie, dass muss ich auskosten. Sonst gibt es nicht so viel spannendes von Port Hardy zu berichten. Das Wassertaxi ist leider nicht mit unserem Budget vereinbar, die Wanderung steht auf der Kippe. Doch so leicht lassen wir uns nicht abwimmeln. Wir beschließen zumindest nur den kurzen dreitägigen Abschnitt am nordwestlichsten Zipfel der Insel zu belaufen. Cape Scott wurde uns schon früher empfohlen, dort könne man hintrampen oder sogar hinradeln. Da wir dieses Unterfangen mit Walter beschreiten wollen, kommt nur Trampen in Betracht. Wir verabreden uns für den darauf folgenden Tag morgens am Beginn des Trails ungefähr 60 km westlich von Port Hardy.

Wir versuchen eine Bleibe für den heutigen Abend sowie für die Fahrräder für die nächsten Tage zu organisieren. Mit Hintergedanken beginne ich ein Gespräch mit dem jungen Angestellten im Internetcafé, in dem wir unsere Zeit vertrieben hatten. Schnell stellt sich heraus, dass wir die Räder natürlich gut auf dem örtlichen Campingplatz unterstellen können, aber genauso gut und eigentlich noch viel besser wären sie in der Garage seiner Eltern aufgehoben. Das wollten wir hören! Schnell verabreden wir uns für später, um gemeinsam mit ihm zu seinem Haus zu fahren.

Josh ist 16 Jahre alt und arbeitet in den Ferien im besagtem Internetcafé. Er ist unglaublich kommunikativ und interessiert an unserer Reise. Nachdem wir unsere Räder in der gemütlich geruempeligen Garage untergestellt haben, werden wir von seiner Mutter Tania zum Abendessen eingeladen. Es gibt Halibut mit Reis, wir trauen uns gar nicht richtig zuzulangen, haben wir doch solchen Hunger. Wir berichten von unserer Reise und wieder mit kleinem Hintergedanken von unseren besten Erfahrungen mit warmshowers.org. Nach dem Essen möchte uns Shean, wie verabredet, zum Campingplatz fahren, von dem wir am nächsten Morgen zum Tramper-Startpunkt laufen wollen. Doch Tania hält Shean zurück und uns wir ein Bett angeboten. Toll, diese Familie scheint sehr interessant zu sein und wir freuen uns ihre Gäste sein zu dürfen.

Am Abend unterhalten wir und lange mit Tania und Shean, sie sind beide 34 haben zwei Kinder (Josh, 16 und Jeremia, 18) und arbeiten beide bei der Heilsarmee. Dass Tania auf Fotos steht, verrät uns Josh und so holen wir alles raus was wir zu bieten haben und kommen gar nicht heraus aus dem Erzählen über Europa, Deutschland, Berlin und Hellersdorf. Ich finde es angenehm, dass die beiden nicht wie üblich, wie schon so oft andere, hellauf begeistert sind, sondern auch kritische Fragen stellen und uns manchmal (so kommt es mir vor) testen und unsere Meinung zu politischen Fragen auf die Probe stellen. Tania ist mit dänischen Kommunisten verwandt, wir werden deren ehemalige Siedlung bei unserer Wanderung zum Cape Scott besichtigen können.

Das Trampen am nächsten Morgen klappt super! Schon der dritte Autofahrer möchte uns nach Holberg, das ist ca. 2/3 der Strecke, mitnehmen. Ich versuche mein bestes und quatsche und quatsche. Als Tramper muss man reden, das ist meine Devise. Nach fröhlicher einstündiger Fahrt entscheidet sich unser Fahrer dafür uns bis zum Trailbeginn zu fahren. Was für ein Glück! Die ganze Strecke in einem Ritt!

Walter ist auch schon da. Nach einem kleinem Frühstuck können wir zu unserer ersten richtigen Wanderung auf dieser Reise aufbrechen!

Wir wandern durch dichten Regenwald. Der Weg ist einer der matschigsten, die ich bisher erlebt habe. Riesige Fichten und Zedernbaeume bilden ein Dickicht, dass nur auf unserem Pfad passierbar ist. Richtiger Regenwald, wir sind begeistert! Leider gibt es keine Affen, dafür um so mehr Moose und Flechten, die es zu bestaunen gibt. Auf dieser Wanderung realisiert Alena, aus Gewichtsgründen leider den falschen Wanderrucksack mitgenommen zu haben. Sie entschloss sich für den kleineren und stöhnt nun unter dem blöden Tragesystem. Es schmerzt sie ganz schön. Wir wollen versuchen Abhilfe zu organisieren.

Die Gegend um Cape Scott wurde um die Jahrhundertwende von dänischen Kommunisten in mehreren Wellen besiedelt. Angelockt von fetten Wiesen malten sich diese Menschen ein gemütliches Leben finanziert durch Viehzucht und Viehhandel aus. Die Landwirtschaft an sich gelang, jedoch wurde der Gemeinschaft das rauhe Wetter einerseits sowie die Ummoeglichkeit des regelmäßigen Anlandens großer Schiffe am Cape Scott und somit fehlende Handelsbeziehungen zum Verhängnis. Nach 30 Jahren gaben sie auf. Zeitweilig wohnten bis zu 200 Personen an diesem unwirtlichem Ort.

Während des Erwanderns der Gegend können wir uns zu Beginn nicht vorstellen, wie hier Menschen gelebt haben konnten. Dichter Urwald versperrt jedes Durchkommen. Etwas später stoßen wir auf weite Ebenen mit fast verrotteten Umzäunungen, die eine Bewirtschaftung tatsächlich erahnen lassen. Zaunpfosten und Wälle sind so ziemlich das Einzige, was von den einstigen Siedlern noch zu besichtigen ist.

Am Strand schlagen wir unser Lager auf. Zwar passt mir Strandzelten nicht, der feine Sand befindet sich schon nach kürzester Zeit auch im letzten Schlafsackwinkel, doch bietet sich dieser Platz an: Andere Wanderer sind auch schon da, ebenso sind Foodlocker vorhanden. Wir befinden uns immer noch in Bärenland.

Am nächsten Tag besichtigen wir in einer Tagestour den Leuchtturm und lernen die zwei netten Leuchtturmwärter sowie zwei junge Parkranger kennen. Sie kommen gerade von einem Angeltörn. Parkranger zu sein scheint ein angenehmer Job zu sein! Fasziniert können wir das Säubern und Filetieren der riesen Lachse beobachten. Wir bekommen Einblicke in Lachsanatomie bis ins letzte Detail. Genaustens wird der Mageninhalt der Tiere untersucht. Ein geschenktes Bier rundet unseren Tagestrip ab und fröhlich machen wir uns auf den Rückweg.

Die Rückreise nach Port Hardy wird zum lustigen Roadtrip. Drei Typen aus der Nähe von Victoria, auf Vancouver Island, nehmen uns gerne mit. Luise ist froh die Wandertour unternommen zu haben, die anderen zwei Herren freuen sich endlich wieder soviel rauchen zu können wie nur geht. Der eine ist eher der Angler, der andere betitelt sich als Golfer. Einer von beiden beschließt, dass dieser Trip seine erste und letzte Wanderung sein soll. Er hängt seine Wanderschuhe sogleich an den Shoetree auf halber Strecke des Weges. In einer theatralischen Zeremonie schickt er sie in Rente. Der Baum ist dicht behangen mit Schuhe aller Facon, Cape Scott scheint zum Beendigen einer Wanderkarriere einzuladen. Sehr vergnügt werden wir direkt bei unseren Fahrräder in Port Hardy abgesetzt.

Wieder bei Joshs Familie angekommen, laed uns Tania ein mit ihr am nächsten Abend bis nach Campbell River zu fahren, um ihre Eltern zu besuchen. Nun, das ist genau unsere Richtung, nur würden wir damit eine Strecke von 230 km innerhalb eines Tages überspringen. Lange hadere ich mit dem Gedanken jetzt zu trampen, obwohl es eigentlich nicht unbedingt notwendig ist. Alena möchte aber gern und außerdem passt es uns zumindest bezüglich unser Zeitplanung ganz gut in den Kragen. Auch ein Kennenlernen Tanias Eltern scheint verlockend, möchten wir doch während unserer Tour intensiven Kontakt mit den Menschen haben. Bald ist die Entscheidung gefallen, auf nach Cambell River. Damit haben wir auch noch Gelegenheit am nächsten Vormittag zusammen mit Josh das Nativ-Reservat in Port Hardy zu besuchen.

Tania hat über ihre Arbeit bei der Heilsarmee gute Kontakte zu den Nativs, deren Status erst seit 1876 gesetzlich fixiert ist. In First Nations organisieren sich die verbliebenen Ureinwohner auf kanadischem Staatsgebiet. Welche Gruppe eine sogenannte First Nation ist bzw. welche Person sich sich dieser zurechnen darf, bestimmt der Staat Kanada. Auf unserer bisherigen Reise sind wir durch verschiedene First Nations Regionen gefahren. Dabei schien sich der Grad der Organisation sowie Wohlstand stark zu unterscheiden.

Schnell sausen wir in Tanias Pick Up über die Berge, nur kurz kann ich Landschafts-Ausschnitte genießen. Dichte Wälder links und rechts der Straße lassen vereinzelt Gelegenheit für Blicke auf die hohen Gipfel und Seen des nördlichen Vancouver Islands zu.

In Campbell River stellen wir fest, dass wir nun das Kapitel „Wildnis“ fürs Erste hinter uns gelassen haben. Zwar wird der Abschnitt Port Hardy – Campbell River als langweilig und eintönig beschrieben, doch steht für mich fest, dass eine Beradlung eben dieser Strecke mit einem langsamen Verlassen der Wildnis nicht schlecht gewesen wäre. So schnell möchte ich mit den Bikes nicht noch einmal trampen, auch langweilige Strecken könnte ich genießen, so langweilig sind sie aus Radperspektive meistens doch nicht.

Trotzdem sind wir beide froh, dass unser Programm „Menschen auf Vancouver Island“ so gut klappt! Die zweite Etappe stellen nun Tanias Eltern in Cambell River dar. Tanias äußerst hibbelige Mutter nimmt uns in Beschlag und schnell steht das Abendprogramm fest. Nach dem Essen, es gibt Prawn, eine Art übergroßer Shrimp, wird eine Wanderung unternommen. Mit rasender Geschwindigkeit laufen wir durch den Wald, um den Sonnenuntergang an einem tosenden Wasserfall nur knapp zu verpassen…

Nach der Familie Tanias bilden Dave und Cat in Courtney den Anfang unser warmshowers-Besuche. Beide Rad-begeistert und in Planung einer Tour nach Inuvik, haben wir uns viel zu erzählen. Wir werden ausgequetscht und bekommen ebenso wertvolle Tipps für Denman und Hornby Island, unsere nächsten Anlaufpunkte. Das Lachs-BBQ, welches Dave zubereitet, können wir nur wärmstens Empfehlen. Wir können in ihrem gemütlichen Gästebett schlafen, Wäsche waschen und bekommen zum Abschied eine volle Ladung Gewürze für unsere Küche. Am Morgen begleitet uns Dave ein Stück und zeigt uns den besten Weg Richtung Fähranleger nach Denman Island.

Leider stelle ich an diesem Tag eine mittelgroße Erkältung bei mir fest. So kann ich bei Dave und Tanya auf Denman Island nur noch ins Bett fallen und überlasse Alena die Aufgabe der ersten Konversation. Diese scheint hervorragend zu funktionieren! Wir erleben in den nächsten drei Tagen eine große Herzlichkeit im wunderschönen Hause der beiden gleich am Strand. Tanyas Eltern sind zu Besuch, ich bin begeistert von der Offenheit der Familie uns jetzt aufzunehmen! Dave ist Kellner und der keine-Hilfe-benötigende Koch im Hause. Morgens vor dem Frühstück ist schon die Brombeeren-Marmelade eingeweckt, tagsüber wird das Haus gestrichen und eine Treppe gebaut. Beim Frühstück debattieren wir über die von mir vorgeschlagene Stufenhöhe und -breite. Schnell wird die Schrittmaßformel ins imperiale Maßsystem übertragen.

Tanya ist Programmiererin, genießt die Anwesenheit ihrer Eltern im Haus und lässt mich ihr Liegerad austesten. Nicht übel so ein Gefährt! So wie mir scheint kann man ernsthaft über solch eine Reise im Liegerad nachdenken, haben ja auch schon einige gemacht….

Wir verbringen zwei gemütliche Tage auf Denman Island. Ein Besuch von Hornby Island steht dabei auf dem Programm. Dort leben 900 Personen einen hippyresken Lebensstil, ca. 2000 Touristen im Sommer bestimmen das Inselfeeling. Ohne Gepäck radeln wir die Insel ab, besichtigen Märkte und Klippen. Einsam ist es nicht, dafür entspannend und kulturell interessant. Es gibt zum Beispiel eine selbstorganisierte Müllhalde mit einem großen Freeshop. Ich nehme ein Buch sowie einen Bleistift mit. Vor Ort kann jede Person nehmen was sie braucht, die besten Abnehmer sind die Touristen. So verschwindet hoffentlich sehr viel Abfall von der Insel…

Dave und Tanja verlassen wir an einem wunderschönen Morgen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und wir sind frohen Mutes uns wieder ein Stück vorwärts zu bewegen. Die ganze Familie hilft beim Bepacken der Fahrräder. Fast hätten wir die Fähre verpasst, da ich gestern nach dem Zentrieren vergessen hatte die Schläuche aufzupumpen. Mit vereinten Kräften pumpen Dave und ich die Reifen in Rekordgeschwindigkeit auf Rekorddruckverhältnisse auf. Dann kann es losgehen, es wird gewunken wie verrückt. Unsere Fahrt soll heute nicht lange dauern, haben wir doch schon den nächsten Besuch eines warmshowers-host in Aussicht. Insgesamt drei Personen hatten wir zu Beginn unseres Vancouver Islands-Aufenthalts angeschrieben, alle hatten zugesagt und wir wollten es uns diesmal nicht nehmen lassen alle zu Besuchen.

Biff und Deb wohnen in Comox, unweit des Piers der Fähre zur Sunshine Coast, damit genau auf unserer Route. Nach nur 40 km Fahrt stehen wir vor ihren Haus. Wir sind sichtlich beeindruckt ob der Größe und Ausstattung des Gebäudes und Gartens. Wir trauen uns erst gar nicht uns bemerkbar zu machen. Ich hatte mir schon so etwas gedacht, als ich die mächtige Hausnummer, in 1 Meter großen Lettern ausgestanzt aus einer riesigen Platte Corten-Stahl, bemerkt hatte. Wir sind gespannt, welche Richtung dieser Abend noch einschlagen wird. Biff und Deb sind mit Abstand die wohl finanziell am besten ausgestatteten Menschen, die wir bisher während dieser Reise besucht haben, denken wir uns.

Lange vor dem Tor herumstehen bringt nix, also rein ins Getümmel. Freundlichst werden wir von den beiden begrüßt. Es folgt eine Führung durch das geräumige Haus.

Biff ist Bauingenieur, Deb war Lehrerin, beide sind begeisterte Radfahrer und planen gerade ihre nächste Tour durch Europa. Der Abend klingt mit einer Fischspeise auf viereckigen Tellern mit Wein aus. Wir genießen die diesmal ganz andere Atmosphäre, die Gespräche drehen sich ums Radfahren, die Routenplanung und wie Biff und Deb wohl in Europa mit den Netzwerk warmshowers.org zurecht kommen werden. Darauf sind wir ebenso gespannt und hoffen, dass die beiden mindestens genau so viele offene und liebenswürdige Menschen wie wir treffen werden. In einem Bett mit strahlend weißer Bettwäsche und einem Kubikmeter-Kopfkissen schlafen wir wie die Könige.

Am nächsten Morgen drehe ich eine weitere Runde durch das Haus und den Garten und kann mich schwer von der Kamera losreißen. Fast verpassen wir mal wieder den rechtzeitigen Absprung, um die Fähre noch pünktlich zu erreichen. Biff hatten wir schon am letzten Abend verabschiedet, mit Deb knipsen wir noch die obligatorischen Abschiedsfotos.

Trotz Verfahren erreichen wir noch die Fähre und nehmen damit auch erst einmal Abschied von Vancouver Island. Hier hatten wir ganz entgegen unserer Planung bzw. Erwartung soziale Abenteuer zu bestehen und sind froh in diese hineingeschlittert zu sein. Neben der Natur, haben vielmehr die Menschen, die wir trafen, einen tiefen Eindruck in uns hinterlassen. Wir sind froh vielleicht weniger geradelt zu sein und uns dafür Zeit für Kommunikation und Austausch von Weltanschauungen genommen zu haben. Während der Fährfahrt denken wir an Walter, Luise und ihre verrückten Freunde, Josh, Shean und Tania sowie ihre Eltern, Dave und Cat, Dave und Tanya und ihre Eltern sowie Biff und Deb und hoffen vielleicht irgendwann jemand von ihnen wieder sehen zu können.

Weitere Fotos befinden sich in der Galerie (Vancouver Island).

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Haida Gwaii (BC / Canada / August 2011)

Als die Fähre morgens pünktlich um 9 h in Prince Rupert ablegt, begleiten uns dicke, tief hängende kühle Nebelschwaden. Wir setzen uns in den unerwartet luxuriösen Besucherraum und essen erst einmal Fruehstueck.

Hier treffen wir Walter wieder, den wir am Abend zuvor auf dem Campingplatz kennengelernt haben. Er will auf Haida Gwaii wandern und ist mit dem Rucksack unterwegs. Walter möchte auch bis nach Argentinien reisen, tut dies jedoch auf eine ganz andere Art und Weise als wir. Neben dem Reisen per Bus, Bahn oder Trampen verweilt er des öfteren auf Farmen, um dort gegen Kost und Logis zu arbeiten. Dazu nutzt er die Internetplattform workaway. Das ist so etwas ähnliches wie woofing. Neben dem Austausch von, wie gesagt, Arbeitskraft gegen Kost und Logis geht es darum, dass sich Menschen unterschiedlicher Kulturen kennenlernen, austauschen und Zeit miteinander verbringen.
Nach und nach kommt dann doch die Sonne hervor, so dass wir das Schifffahren draußen auf der Schiffsterrasse zu dritt genießen können. Inseln ziehen an uns vorbei. Wir plauschen lange miteinander und wollen eventuell später eine Wanderung zusammen antreten, wir haben in den folgenden Wochen ungefähr die selbe Route geplant.

Am frühen Abend läuft das Schiff am Hafen in Skidegate ein. Wir laufen langsam mit den Rädern den Steg hinab, als wir auf Ryan und Grace treffen, die auf uns gewartet haben! Hardy hatte Ryan abends zuvor auf der Mailbox ihres Handys eine Nachricht hinterlassen. Die beiden erzählen, sie hätten die Fähre vom Strand aus gesehen und sind gekommen, um uns willkommen zu heißen. Dies sei so üblich auf Haida Gwaii. Wir freuen uns riesig, damit haben wir wirklich nicht gerechnet!
Ryan empfiehlt uns den Campground von Joyce im nahen Queen Charlotte, der nur 5$ kosten soll … und sich als Joyce Vorgarten entpuppt. Wir verabreden uns mit den beiden für den folgenden Morgen in Jags Café, um den Tag gemeinsam zu verbringen.

Nachdem wir unser Zelt aufgebaut haben, erkunden wir während der Abenddämmerung den kleinen Ort. Neben vielen Kunstgalerien finden wir ein Visitorcenter, indem wir lange ein interessantes Aquarium bestaunen. Eine kleine Krabbe dreht hier ihre Runden. Ebenso genießen wir den Ausblick auf den kleinen Hafen, in dem Segelboote und Wasserflugzeuge vertäut liegen. Es ist schön hier, die Insel strahlt eine intensive Ruhe auf uns aus. Immer wieder schweifen meine Blicke aufs Wasser hinaus. Ich (Alena) freue mich hier zu sein und diese wunderschöne Landschaft genießen zu können.
In einem Liquor Store kaufen wir uns zur Feier des Tages Bier, Honeybeer. Vor dem Shop treffen wir auf zwei weitere junge Reiseradler. Die beiden feiern heute den 100sten Tag ihrer Trans-Kanada-Tour. Wir verquatschen uns und stoßen mit den beiden sogleich an. Dies aber nicht lange, denn schnell kommt der Verkäufer des Liquor Stores heraus geschnellt und weist uns darauf hin, dass es hier doch verboten sei in der Öffentlichkeit zu trinken! Das Polizeirevier sei gleich nebenan und wir sollten aufpassen, dass wir kein Knöllchen auf gebrummt bekommen. Er verweist uns auf den Baseballplatz, da sei es in Ordnung Bier zu trinken. Ups, daran haben wir gar nicht gedacht, die Berliner Verhältnisse haben wir noch so inne … merkwürdig, wieso ist denn der Baseballplatz kein oeffentlicher Raum? Egal, wir finden vor Ort eine gemütliche Bank und lernen auch sogleich einen alten Totengräber mit seinen zwei Hunden kennen. Er gibt stundenlang Geschichten über die Menschen auf Haida Gwaii zum besten und unterhält uns gut. Leider haben wir seine Haida-Namen vergessen. Er erhielt sie, als er vor vielen Jahren als Schotte in die Haida Kultur konvertierte.
Am spaeten Abend koennen wir dann noch die beiden Kanadier mit unseren Kochkuensten auf unserem Campingkocher begluecken. Die beiden haben es tatsaechlich geschafft Kanada ohne Kocher zu durch queeren.

Wir werden von Ryan zum Kaffee und Kuchen eingeladen. Wir sitzen in einem gemütlichen Glashaus einer ehemaligen Gärtnerei, die nun ein Café ist, es werden nur noch wenige Blumen verkauft. Grace sucht sich zwei aus, um sie später auf das Grab ihrer Tante und ihres Onkels legen.
Die achtjährige Grace und ihre Mutter Ryan verbringen eine Woche Ferien auf der Insel, um ihre Familie zu Besuchen. Sie wohnen in Calgary, Ryan arbeitet dort als Polizistin. Ich muss sagen, ihre Arbeit würde nach meinem Verständnis eher unter die Kategorie Sozialarbeit als unter Polizeiarbeit fallen. So eine liebenswürdige Polizistin habe ich noch nicht kennengelernt.
Da die beiden Hamster von Grace nicht allein zu Hause bleiben konnten, fahren Muffin und Oreo in einer Plastikbox im Auto mit. Grace ist ganz verrückt nach ihnen, ständig nimmt sie sie heraus, insbesondere Muffin. Das ist ein alter Hamster, dem bereits die meisten seiner Haare ausgefallen sind. Erst ist es merkwürdig für uns, aber recht bald ist der Anblick des kahlen Tierchens ganz normal. Grace sieht des öfteren nach, ob Muffin noch am leben ist und knuddelt dann mit ihr herum. “Muffin is still alife!” ist ein wieder kehrender Slogan. Laut Ryan lebt dieses Tierchen nur deswegen noch, da ihm so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Zusammen mit den beiden besuchen wir die Gräber ihrer Familie und schauen uns den alten Friedhof an. Danach treffen wir Cousin Tim, der in einem Atelier Totenpole und andere Schnitzarbeiten kunstvoll herstellt. Gerade ist er mit einem kleinen Totenpole beschäftigt, auf dem ein alter Mann und ein Rabe zu erkennen sind. Probleme bereitet ihm momentan eine morsche Stelle, welcher nun clever umgehen muss. Hardy versucht Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Wir verbringen viel Zeit gemeinsam im Museum, das der Sprache, Kultur und Geschichte der Haida gewidmet ist. Die Ausstellung beeindruckt uns sehr. Es gibt nur noch wenige Personen die Haida sprechen können. Hardy beeindruckt am Meisten, dass die Sprache der Haida so einzigartig ist und keine Verbindungen zu anderen Sprachen dieser Welt hat.

Nach dem Museumsbesuch zeigt uns Ryan den einzigen großen Felsen weit und breit. Wir machen die obligatorischen Fotos, auf denen wir versuchen ihn zu bewegen und verbringen mit Grace Zeit an den kleinen Wasserlöchern und Felsspalten, in denen wir Wasserschnecken sowie Krebse entdecken und neue Gänge für sie bauen. Natürlich ist auch Muffin mit dabei, sie darf auf den Steinen herumlaufen. Während dessen passt Ryan wachsam auf das kleine Tierchen auf, damit sie nicht von einem der vielen Seeadler oder der großen Raben gefressen wird, die über uns kreisen. Wir haben den Tag mit diesen lieben Menschen sehr genossen und viel Spaß gehabt. Wir sind uns sicher, dass sich unsere Wege in den nächsten Tagen kreuzen werden, wir haben den selben Weg in den Norden der Insel vor uns.

Am Abend finden wir einen schönen Schlafplatz am steinigen Strand, wir genießen unser Abendbrot mit Blick auf das Meer. Ein kleines selbstgebautes Floß wackelt in den Wellen der hereinbrechenden Flut. Obwohl wir unser Zelt so weit weg vom Wasser wie nur möglich aufbauen, mache ich mir ein paar Gedanken, wie nah das Meer nun wirklich kommen wird. Um sicher zu gehen stellen wir den Wecker auf Mitternacht. Des Nachts schaut Hardy raus und alles ist in Ordnung.

In den folgenden Tagen radeln wir gemütlich gen‘ Norden, vorbei an kleinen Buchten mit Stein- und Sandstränden, Farmen mit weiten Wiesen und Seen, die glasklar oder mit Seerosen bewachsen sind. Am Wegesrand treffen wir immer wieder auf Rehe, die uns – gar nicht scheu – mit ihren großen Kulleraugen verfolgen.
Von der Insel geht eine gelassene, mystische Stimmung aus. Sie erfasst uns und wir lassen uns treiben. Hier reisen wir ohne groben Zeitplan, ohne Kilometerdruck und ohne ungefähres Ziel am Abend. Oftmals halten wir an und genießen die Aussicht oder besichtigen kleine Dinge am Rande des Weges. Es ist schön so relaxt unterwegs zu sein. Wir nennen die Tage auf Haida Gwaii “Urlaub von unserer Reise”. Ich genieße sie in vollen Zügen. Ryan hatte recht, Haida Gwaii ist etwas ganz besonderes. Ich kann mich nicht satt sehen an der Schönheit dieses Fleckchens, fühle mich relaxt, frei und ruhig. Leider driften in diesem Punkt Hardys und meine Interessen sehr weit auseinander. Hingegen meiner Vorliebe für das Meer und Küstenlandschaften, zieht er Berge und Blicke in Täler vor. Er langweilt sich hier und aeussert dies wiederholt. Irgendwann beschließe ich, mir meine gute Laune durch ihn nicht verderben zu lassen und übe mich in Ignoranz.

Auf unserem Weg zum nördlichsten Punkt der Insel halten wir an Marys Spring an. Der Legende nach kehren all jene, die von dieser Quelle tranken nach Haida Gwaii zurück. Das wollen wir auch – eine Umrundung der Insel mit dem Kajak ist noch offen – und trinken noch einen extra Schluck. Lustig und typisch kanadisch ist, dass direkt neben der Quelle und neben dem Schild, welches die Geschichte und den Mythos der Quelle erklaert, ein offizielles Warnschild steht, das von dem Trinken des Wassers aus gesundheitlichen Guenden abraeht.

Auf der Wanderung zu einem alten hölzernen Schiffsfrack treffen wir Ryan und Grace wieder, auch Muffin und Oreo sind in ihren Plastik-Hamster-kugeln mit dabei. Die 15 km lange Wanderung führt uns vorbei an einer sanften mit Gras bewachsenen Flusslandschaft. Als dieser ins Meer mündet, laufen wir eine Weile am endlosen breiten weißen Sandstrand, bis wir auf das Frack stoßen, das steil aus dem Boden schaut. Durch die strahlende Sonne leuchtet das ausgewaschene Holz in einem warmen Braunton.
Wir Picknicken zusammen, unterhalten uns und genießen den wunderschönen Blick, während Grace im Inneren des Schiffes spielt.

Unser Rückweg führt uns in eine vollkommen andere Welt. Der schmale Wanderpfad windet sich nun durch Regenwald in den verschiedensten grün und braun Tönen. Es ist kühl und schattig, in dünn leuchtenden Strahlen bahnt sich das Sonnenlicht einen Weg in den Wald hinein. Moose und Flechten hängen in dünnen Streifen von den Bäumen herab. Ich fühle mich, als würde ich durch einen Feen und Elfen Wald streifen. Der weiche mit Moos bewachsene Boden gibt unter unseren Fuessen nach, wir könnten uns auch auf ein Moosbett legen und hier verweilen.

Als der Abend hereinbricht, steuern wir eine day-use-area an einem wunderschönen See an, um sie auch des Nachts in Betrieb zu nehmen. Dort treffen wir Adam und Delara, die sich ähnliches gedacht haben. Sie kommen aus Victoria auf Vancouver Island und erkunden die Insel mit dem Auto. Wir kommen genau im richtigen Zeitpunkt, der Picknicktisch ist gedeckt, es gibt Kuskus und Lachs und die beiden sind bereits satt! Adam berichtet wie er den Lachs mit den Händen gefangen hat. Dieser sei durch die eintretende Ebbe am Strand liegen geblieben, wo er ihn zappelnd fand. Welch Glück für uns!

Wir radeln bis zum North Beach der Insel. Dort finden wir ein windgeschütztes Plätzchen für unser Zelt unter den Bäumen. Eine Duenenreihe trennt uns vom weiten Sandstrand. Wir finden viele vom Meer abgerundete und ausgewaschene Holzstämme. Auf einem nehmen wir Platz und essen Abendbrot, Reis mit Tomatensauce – hmmm.
Nun holt auch uns das für Haida Gwaii übliche Wetter ein, mit den letzten Tagen Sonnenschein hatten wir Glück! Der Himmel ist bewölkt und bald beginnen immer wiederkehrende Regenschauer.
Wir besteigen den Tow Hill und treten danach so langsam den Rückweg in den Süden der Insel Richtung Fähranleger an. Unterwegs treffen wir noch einmal Ryan und Grace wieder. Dies ist wirklich unsere letzte Verabschiedung voneinander. Es ist schade, wir haben die Beiden ins Herz geschlossen. Ryan schenkt uns 20 $, damit wir in der nahen Bäckerei einen Kaffee trinken und einen Cinamon Bun essen können. Wir freuen uns und treten sogleich den Weg zur Bäckerei an.

Im kleinen Ort Massett treffen wir auf eine Töpferei. Wir unterhalten uns lange mit der alten Töpferin. Dabei klären wir endlich eine Frage, welche uns schon lange auf der Zunge brennt. Seit vielen Kilometern radeln wir an Straßenschildern vorbei, die uns vor irgendetwas warnen, „Watch for livestock!“ ist dort geschrieben. Aber was ist das denn bloß? Auf was sollen wir aufpassen? Die Töpferin lacht herzhaft und erklärt uns, dass es sich bei livestocks nur um landwirtschaftliche Nutztiere handelt.
Ich bekomme einen Knopf mit einem Krebs darauf in ihrer Lieblingsglasur geschenkt. Sie gibt uns auch einen Lachs aus ihrer Tiefkühltruhe mit. Das wird ein super Abendessen am nahe gelegenen klaren See! Hardy freut sich schon den Kochlöffel zu schwingen.

Als wir am letzten Tag im Dauertritt der Fähre entgegen fahren, begleitet uns ein Dauerregen. Leider beschließen wir zu spät die Regenhosen und Gamaschen anzuziehen, wir sind bereits bis auf die Haut durchnässt. Stur fahren wir einfach weiter und halten des öfteren unter den verschiedensten Unterständen an, um warmen Kaffee zu trinken.
Im Warteraum der Fährgesellschaft können wir uns endlich trockene Klamotten anziehen. Hier treffen wir auch Walter wieder sowie unsere beiden Trans-Kanada-Radelfreunde. Wir berichten uns gegenseitig von unseren verschiedenen Erlebnissen. Gegen 21 h legt die Fähre ab, wir werden morgens um 6 h Prince Rupert erreichen. Dort wollen wir sogleich auf die nächste Fähre nach Vancouver Island hüpfen. Mit unseren Isomatten und Schlafsäcken machen wir es uns zwischen den Sitzreihen gemütlich und schlafen erschoepft, vom Schiff ins Land der Traeume geschunkelt, ein

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